Stand: 16.08.2019 15:45 Uhr

Warum eine Wassergrotte Jungfrauen anlockte

von Dietrich Karl Mäurer, Korrespondent im ARD-Studio Zürich

Im Schweizer Kanton Wallis zwischen Sion und Sierre befindet sich der größte natürliche unterirdische See Europas: Die Wassergrotte Saint-Léonard kann auf einer Bootstour besichtigt werden. Bootsführer informieren über die Geologie und die Geschichte der beeindruckenden Höhle, der mystische Kräfte zugeschrieben werden.

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Der Ort Saint-Léonard hat eine einzigartige Attraktion zu bieten.

Saint-Léonard im Schweizer Kanton Wallis. 2500 Einwohner leben hier umgeben von Weinbergen. Am Dorfrand befindet sich die Attraktion des Ortes: der Lac Souterrain, der unterirdische See. Von dem kleinen Besucherzentrum aus führt eine Treppe steil hinunter in eine dunkle Grotte mit einem breiten Steg. Sobald sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann man von hier aus über eine weit in die Tiefe reichende Wasserfläche erblicken. Cédric Savioz, der Direktor, schwärmt von den Dimensionen: "Die Grotte ist 300 Meter lang und wir haben eine Fläche von Wasser von 6.000 Quadratmetern. Und die Grotte selbst geht noch weiter auf die andere Seite - 1,5 Kilometer - aber jener Teil ist nicht besuchbar."

Hinweisschild zur Höhle in Saint-Leonard © ARD Foto: Dietrich Karl Mäurer

Wassergrotte Saint-Léonard fasziniert Besucher

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Am Ende der letzten Eiszeit entstanden

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Über diesen Steg können Besucher in die dunkle Grotte hinabsteigen.

Der Lac Souterrain sei der größte unterirdische See Europas, sagt Cédric Savioz - schränkt dann allerdings ein: der größte natürliche unterirdische See Europas: "Es gibt eine andere Höhle in Österreich mehr oder weniger in derselbe Größe, aber das ist eigentlich ein Bergwerk. Das wurde von Menschen gemacht, und dann haben sie Wasser reingepumpt." Am Steg des Lac Souterrain Saint-Léonard sind mehrere Boote festgemacht. Cédric Savioz setzt sich in eins und erzählt, wie die Grotte vor 15.000 Jahren entstanden ist, am Ende der letzten Eiszeit: "Das ist eine Gipsgrotte. Als die Gletscher im Rhonetal geschmolzen sind, ist Wasser hier reingesickert." Das Wasser habe im mittleren Teil den Gips gelöst. Die zwei Wände, die aus anderen, härteren Gesteinsarten bestehen, seien stehen geblieben.

Erst ein Erdbeben machte Besuche möglich

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Mit Booten können Besucher über den Lac Souterrain fahren - und dabei vom Bootsführer Interessantes über den See erfahren.

Der Hohlraum hat sich dann mit Wasser gefüllt. Zwar sickert das permanent ab, doch es läuft immer wieder neues Wasser nach, zum Beispiel wenn es regnet. Das könne trotz der Felsendecke von etwa 30 bis 70 Meter Dicke einsickern. "Wenn es regnet, dauert es zwei, drei Tage, bis das Wasser hier reinkommt", weiß Cédric Savioz. Jahrhundertelang war die Grotte komplett bis zur Decke mit Wasser gefüllt. 1946, nach einem Erdbeben, sank der Wasserspiegel. Erst dadurch ist es möglich, die Höhle zu besichtigen. Jedes Jahr kommen etwa 80.000 Besucher. Sie werden mit Booten über den See gefahren.

Marmor, Schiefer und Gips

Hier und da sind die Felswände angeleuchtet, so dass entweder Schatten entstehen, die die Phantasie anregen, oder die geologischen Besonderheiten der Grotte erkennbar werden. "Wir haben eigentlich drei verschiedene Gesteinsarten in der Grotte. Wir haben Marmor auf der Südwand, wir haben Schiefer auf dem Nordwand, und den mittleren Teil, der aus Gips besteht."

Immer die gleiche Temperatur

Das Wasser des Lac Souterrain, in dem heute als Touristenattraktion auch etwa 30 Regenbogenforellen leben - hat das ganze Jahr über eine Temperatur von 15 Grad. Im hinteren Bereich der entsprechend kühlen Höhle gibt es einen kleinen Strand. Regelmäßig finden hier Konzerte statt, erzählt Bootsführer Joel. Denn die Akustik der Grotte sei beeindruckend, sagt er und stimmt zum Beweis ein Lied an.

Einige Legenden um die Grotte

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Der Höhlendirektor Cédric Savioz weiß auch von Legenden, die sich um die Grotte ranken.

Doch nicht nur die Geologie der Höhle ist bemerkenswert. Es ranken sich auch diverse Legenden um die Grotte, erzählt Höhlendirektor Cédric Savioz: "Zum Beispiel, dass die Jungfrauen des Dorfes am Weihnachtsabend zum Eingang der Grotte kamen. Und wenn der Mond sich auf dem Wasser spiegelte, konnten sie das Gesicht ihres zukünftigen Ehemanns im Wasser sehen."

Durch den veränderten Wasserstand des Lac Souterrain funktioniert das mit dem Mondlicht heute allerdings nicht mehr, sagt Cédric Savioz und lächelt verschmitzt. Dennoch schreiben einige dem See nach wie vor besondere Kräfte zu. Sie kommen zum Meditieren in die Grotte - abgeschirmt von Handy- und WLAN-Strahlung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 18.08.2019 | 13:30 Uhr