Stand: 02.03.2017 14:47 Uhr

Kenia braucht dringend Ausbildungsplätze

von Bert Beyers

Die Hälfte der Bevölkerung Afrikas ist jünger als 25 Jahre. Der Kontinent benötigt dringend Arbeitsplätze und Perspektiven für die Jugend. Allein in Kenia werden jedes Jahr eine Million Ausbildungsplätze benötigt.

Mangos, tonnenweise Mangos. Sie lagern im Hof der Firma Kevian, etwa eine Stunde Fahrzeit von der kenianischen Hauptstadt Nairobi entfernt. Frauen sammeln die Mangos und machen sie fertig für die Weiterverarbeitung. In der Fabrik werden die Früchte gewaschen, gepresst, schließlich wird der Saft in Flaschen abgefüllt. Der Maschinenpark in den Hallen ist beeindruckend: Edelstahl, Förderbänder, Hightech. Dazwischen einheimische Arbeiter. Mangos sind empfindliche Früchte. Einmal reif, kann man sie nur wenige Tage verarbeiten.

Vom Trinkwasser zum Fruchtsaft

Die Firma gibt es sein 1992. Angefangen hat sie mit abgefülltem Wasser - in Plastikflaschen. Als die internationalen Konzerne in den Markt eindrangen, war für Kevian nichts mehr zu holen. Da entstand die Idee mit den Früchten. "Die Früchte in diesem Land werden schnell faul und landen auf dem Müll", sagt der Manager Kimani Rugendo. "Wir fingen an zu experimentieren, wie man den Saft der Früchte zu Konzentrat verarbeiten kann. Wir begannen mit der Mango, weiter mit der Passionsfrucht, Ananas, Tomaten, Karotten, Avocados. Das kann man heute noch sehen in unseren Produkten. Einige Säfte sind Mischungen aus verschiedenen Früchten."

Screenshot aus einem Video über Auszubildende in Kenia. © NDR Info

Afrikas Arbeitsmarkt auf dem Weg in die Zukunft

NDR Info -

In Afrika ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 25, der Kontinent benötigt eine Perspektive für seine Jugend. Das "Echo der Welt" berichtet über die Situation in Kenia.

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Mehrwert aus den Früchten schöpfen

Ein großer Teil der Früchte und Gemüse in Afrika geht einfach kaputt. Oft sieht man Frauen an der Straße, wie sie ihre Ernte anbieten oder verschenken, weil sie ihre Produkte nicht weiterverarbeiten können. Genau so war es mit der Ernte in der Region, wo sich nun die Firma Kevian befindet. Mittlerweile sichert der Produzent von Saft, Suppen und Ketchup die Existenz von mehreren Hunderttausend Bauern in der Umgebung. "Wir glauben, wenn das Geld den Bewohnern in der Region zugutekommt, landet es früher oder später wieder in der lokalen Wirtschaft Kenias", sagt der Firmen-Manager. "Und das ist der einzige Weg, um Armut in diesem Land zu bekämpfen." Eine der größten Schwierigkeiten von Kevian war die Beschaffung des Kapitals. Ohne ein zinsverbilligtes Darlehen der deutschen KfW-Bank wäre es nicht gegangen.

Ausbildung in Nairobi

Es geht zurück nach Nairobi. Vorbei an Bretterbuden und zusammengewürfelten Häusern. Entstanden ist die Stadt aus einer Eisenbahnkreuzung im Nirgendwo. Vor 50 Jahren wohnten hier gerade mal einige Tausend Menschen. Heute sind es etwa vier Millionen, aber so genau weiß das niemand. Nairobi ist eine internationale Stadt, mit einem großen Standort der UNESCO. Überall an den Straßen stehen junge Männer und verkaufen Plastikflaschen mit Wasser. Sie haben nicht das Glück wie einige Dutzend schwarze Auszubildende bei unserem nächsten Stopp. Die deutsche Firma Krones, mit Stammsitz in Regensburg, betreibt hier ein Ausbildungszentrum. Krones hat weltweit 14.000 Beschäftigte. Die Firma produziert Verpackungs- und Abfüllmaschinen für Wasser, Saft und Bier. Eine dieser Maschinen haben wir bereits gesehen - für den Mangosaft bei Kevian.

Wartung als Aufgabe

Die Azubis hier bei Krones werden zu Mechatronikern ausgebildet. Die Maschinen kommen überwiegend aus Deutschland. Aber im Ausland müssen sie gewartet werden. Deshalb die Ausbildungsstätte in Nairobi, sagt Markus Tischer von Krones: "Wir folgen dem Bedarf. Die Getränkeindustrie ist dort groß, wo es eine große Bevölkerung gibt und großes Wachstum und wo auch der Wohlstand wächst. Und alles finden wir in Afrika vor. Und deshalb ist es einer der wichtigsten Märkte. Wir machen mittlerweile schon zehn Prozent unseres Geschäftes in Afrika. Und wir sehen noch große Perspektiven durch das Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum in der Region."

In der Ausbildungswerkstatt sitzen die jungen Schwarzen um Laptops und diskutieren. Auch Frauen sind darunter. Evelyn zum Beispiel, die eine fantastische Frisur aus Hunderten von Zöpfen trägt. Sie habe fünf Brüder, erzählt sie. Die Auszubildenden der Firma seien total wissbegierig, begeistert und motiviert, so Tischer: "Das ist bei uns ja teilweise gar nicht mehr so. Da schimpfen die jungen Leute, wenn sie in die Schule müssen. Aber hier sind die mit Begeisterung dabei. Sie saugen das auf, was man sie lehrt. Und sie sehen das als Riesenchance für ihr Leben, dass sie später tolle Jobaussichten haben."

Der Abschluss als große Chance

Heute werden die Abschlusszertifikate an die Auszubildenden übergeben. Es ist nicht einfach, die jungen Menschen zu halten, meint Tischer. Denn alle hätten mit diesem Zertifikat in der Tasche viele Möglichkeiten. Die Firma Krones bildet in einem Jahrgang 36 Mitarbeiter aus. Dabei werden eine Million Ausbildungsplätze jährlich nach Kenia gebracht. Und in ganz Afrika Jahr für Jahr 20 Millionen. So steht es in dem Konzept des deutschen Entwicklungsministeriums - der Marshallplan mit Afrika.

Staatliche Hilfe als Anschub

Jobs entstehen nicht durch staatliche Entwicklungshilfe - Jobs schafft letztlich nur die private Wirtschaft. Das ist die zentrale Idee in diesem Konzept. Staatliche Hilfe kann beim Anschub, bei der Finanzierung helfen, aber laufen muss Afrika schon alleine. Vor allem braucht die Jugend eine "Bleibeperspektive", wie Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) immer wieder unterstreicht. Hintergrund des Marshallplans mit Afrika ist natürlich auch die Flüchtlingssituation.

Der Marshallplan mit Afrika

Afrika, ein Riesenkontinent mit 54 Staaten, hat derzeit 1,2 Milliarden Einwohner. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird sich die Bevölkerung verdoppeln. Wenn wir der Welt nicht helfen, ihre Probleme vor Ort zu lösen, kommen die Probleme zu uns, sagt Müller. Afrika soll nicht nur Rohstoffe exportieren, sondern Wertschöpfung im eigenen Land betreiben. Und: Es soll sich selber ernähren. Deswegen gefällt Müller die Saftfabrik: "Diese Geschäftsidee - aus Tomaten Saft oder Suppe zu machen, aus Mangos einen Trinksaft, die können und müssen wir hundertfach in Afrika und Indien umsetzen. Und das Risiko, solche Geschäfte zu finanzieren, ist gering, denn die Produkte sind hochklassig und haben ihren Markt."

Müller kennt die afrikanischen Märkte, wo Fleisch bei 30 oder 40 Grad Hitze verkauft wird. Verpackung, das ist die Lösung, sagt er: "Produkte, die länger haltbar sind und nicht weggeschmissen werden müssen, ob es die Mangos sind, die zu Fruchtsaft verarbeitet werden, oder Fleisch, das abgepackt und vakuumiert wird, oder der Joghurt, die Milch, die verarbeitet wird, bedeutet, dass die Produkte langlebig sind, werthaltig sind, um damit dieses Problem zu lösen, dass 30, 40, 50 Prozent der Ernte in Afrika verrottet und verfault.“

Beratung für Kaffeebauern

Nächste Station auf der Expedition ist eine Firma der Neumann-Gruppe aus Hamburg. Es geht um Kaffee. Bis unter die Decke der Halle sind die Kaffeesäcke gestapelt. Arbeiter schleppen sie zur Mühle. Anschließend werden sie wieder zugenäht. Die Firma versteht sich als reiner Dienstleister. Sie besitzt keine einzige Kaffeebohne, keinen einzigen Sack, der hier gelagert wird. Der Job ist es, die Kaffeefarmer zu beraten, den Boden zu analysieren, möglicherweise zu verbessern. Dann die ersten Schritte der Verarbeitung im Land. Und nicht zuletzt: eine Begutachtung der Qualität, um auf dem Markt einen entsprechenden Preis zu erzielen.

In einem der Nebengebäude führt eine junge Frau durch eine Kaffeeverkostung. Der aufgebrühte Kaffee wird auf einen Löffel gegeben, dann eingesogen, mit viel Luft dazu - ziemlich lautstark - und wieder ausgespuckt. Kenianischer Kaffee hat einen großen Namen - und einen großen Geschmack.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 05.03.2017 | 13:30 Uhr