Stand: 15.02.2018 15:14 Uhr

Indische Mädchen übernehmen die Dorf-Macht

von Silke Diettrich, Korrespondentin im ARD-Studio Neu Delhi

Im Dorf Thennamadevi leben prozentual die meisten Witwen Indiens. Ihre Ehemänner sind an Leberzirrhose oder durch Unfälle gestorben, nachdem sie betrunken unterwegs waren. Denn kaum haben die Männer hier ihr Gehalt in der Tasche, kaufen sie sich davon Alkohol. Das Dorf ging den Bach runter, weil sich keiner mehr um irgendetwas gekümmert hat. Die Mädchen wollten das nicht mehr zulassen. Nun übernehmen sie die Jobs, die früher die Männer gemacht haben.

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Gowshalya ist so etwas wie die Anführerin des Mädchen-Clubs in Thennamadevi.

Die Sonne geht gerade unter, die Kinder im Dorf spielen unter der Straßenlaterne Fangen. Das war vor einem Jahr noch anders, sagt Gowshalya: "Nach 18 Uhr ist hier keiner mehr vor die Tür gegangen, es war wie ausgestorben. Wir hatten kaum fließendes Wasser, nachts kein Licht draußen, wir haben das alles organisiert."

Die 15-Jährige sitzt mit geradem Rücken auf dem Boden, redet forsch. Jedes Wort unterstreicht sie mit einer heftigen Handbewegung, sodass ihre goldenen Armreife ständig klimpern.

Die Mädchen machen, die Väter reden und trinken

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Sobald er Geld in der Hand hat, gäbe er es für Alkohol aus, sagt Radharkrishnan.

Vor über einem Jahr haben sich die ersten Mädchen in einem leeren Haus zum ersten Mal über ihre Probleme unterhalten. Gowshalya ist von Anfang dabei, sie ist eine Art Anführerin des Mädchen-Clubs. Ihr Vater kauert draußen an der Hauswand. Wenn er redet, strömt eine scharfe Alkoholfahne aus seinem Mund: "Ich habe vor mehr als einem Jahr meinen Job verloren, dann habe ich mit dem Trinken angefangen. Wenn ich mal was verdiene, gebe ich das Geld eigentlich gleich für Alkohol aus. Sonst frage ich meine Familie. Die gibt mir dann Geld."

Seine Tochter Gowshalya, die vorher so selbstbewusst vom Mädchen-Club erzählt hat, wird nun ein wenig verlegen: "Keiner kann schlafen, wenn er nachts nach Hause kommt. Er sagt dann schlimme Wörter. Als er dann meine Mutter schlagen wollte, bin ich dazwischen gegangen. Ich dachte, mich schlägt er nicht. Aber dann ist seine Faust in meinem Magen gelandet."

Die Männer leben nur für den Alkohol

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Es ist das erste Mal, dass Mädchen eine Stimme haben im Dorf Thennamadevi.

Im Dorf leben um die 150 Männer, fast alle trinken. Einige geben ihr Geld für den billigsten Fusel im Alkohol-Laden aus, andere brennen den Schnaps selbst. Im gesamten Bundesstaat Tamil Nadu, der im Südosten von Indien liegt, ist der Alkoholmissbrauch ein großes Problem. Die Männer vergreifen sich an Mädchen und Frauen, die Familien haben kaum etwas zu essen, weil die Väter das Geld versaufen. Kinder können am Abend nicht lernen, weil der Vater im kleinen Haus herum torkelt und lauthals schimpft.

Die Familien leiden

Mindestens 90 Frauen in ihrem Dorf haben ihre Ehemänner verloren, weil die sich mit betrunkenem Kopf auf ihren Motorrädern zu Tode gefahren oder sich zu Tode getrunken haben.

Noch haben die Frauen und Mädchen im Dorf Thennamadevi keine Lösung, wie sie die Männer von dem Alkohol abbringen können, sagt Gowshalya. Väter oder Ehemänner einfach vor die Tür zu setzen, sei kein Ausweg: "Wir sehen doch all die Witwen hier um uns herum. Sie kommen kaum über die Runden. Es geht den Familien schlecht, wenn kein Mann im Haus ist. Besser, wir haben einen Vater der trinkt, als gar keinen Vater mehr zu haben."

Ohne Mann und Vater kein Schutz für die Frauen

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Einmal im Monat treffen sich die Mädchen. Sie besprechen, was sie als nächstes im Dorf verbessern können.

So lange ein Mann im Haus ist, haben die weiblichen Familienmitglieder zumindest einen gewissen Schutz in der Gesellschaft. Ohne Vater oder Ehemann gelten sie oft als Freiwild oder werden verstoßen.

Über all diese Themen diskutieren die Mädchen nun einmal im Monat gemeinsam in ihrem Club. Zusammen haben sie eine Bibliothek aus alten Büchern aufgebaut, eine mobile Krankenpflege organisiert. Jetzt arbeiten die Mädchen daran, dass es eine Busverbindung in die nächst größeren Dörfer und Städte gibt. Sie haben Druck gemacht auf den Bürgermeister und werden nun von der indischen Hilfsorganisation Scope unterstützt.

Es gibt erste Fortschritte im Dorf

Sie könnten nicht von heute auf morgen alles ändern, sagt die 14-jährige Bharati. Aber ihr eigenes Leben habe sich in den vergangenen Monaten, seit sie beim Girls-Club dabei ist, auf jeden Fall komplett gewandelt: "Vorher wusste nicht einmal mein eigener Vater richtig meinen Namen. Jetzt kennt ihn jeder in meinem Dorf. Ich habe jetzt eine Stimme und benutze sie auch. Vorher hat sich alles um meinen Bruder gedreht zu Hause. Er hat immer neue Klamotten bekommen, mehr zu essen als ich. Aber jetzt bin ich genauso viel wert zu Hause wie mein Bruder."

Damit hat Bharati jetzt schon einiges erreicht. Selbst die indische Regierung musste vor Kurzem zugeben, dass mehr als 20 Millionen Mädchen im Land leben, die schlichtweg nicht gewollt sind. Demnach fehlen pro Jahr zwei Millionen Mädchen - entweder werden sie abgetrieben, nach der Geburt ermordet, oder sie sterben an Vernachlässigung.

Es ist der "Club der Selbstbewussten"

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Die Gemeinschaft im Club mit all den anderen Mädchen habe ihr eine Menge Selbstvertrauen gegeben, sagt die 14-jährige Bharati.

Die Gemeinschaft im Club mit all den anderen Mädchen habe ihr eine Menge Selbstvertrauen gegeben, sagt Bharati. Gemeinsam wehren sie sich dagegen, dass Minderjährige verheiratet werden. Sie erklären, was sexuelle Belästigung bedeutet und dass es illegal ist, wenn Verwandte oder andere Männer die Mädchen an intimen Stellen anfassen. Das wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen in ihrem Dorf, sagt Bharati: "Mädchen sollen nicht reden. Mädchen sollen nicht einmal jemanden anschauen. Das ist jetzt anders hier."

Noch stünden sie ja ganz am Anfang, sagt die Gruppenführerin Gowshalya. Aber wie alle anderen Mädchen hat sie schon einen genauen Plan für die nachfolgenden Generationen: "Meinen Kindern werde ich sagen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Frauen können auch die Aufgaben der Männer übernehmen. Wir werden in Zukunft eine stärkere Rolle einnehmen in unserem Dorf."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 18.02.2018 | 13:30 Uhr