Stand: 22.08.2019 18:10 Uhr

In Pergamon werden historische Dächer neu gedeckt

von Karin Senz, Korrespondentin im ARD-Studio Istanbul

Seit mehr als 140 Jahren laufen in Pergamon an der türkischen Ägäis Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts.Jetzt haben die Forscher ein Projekt zusammen mit der Gerda Henkel Stiftung gestartet, um Bewohner im angrenzenden Bergama mehr einzubinden. Ein Teil war, dass historische Dächer im Ort neu gedeckt wurden - mithilfe junger Arbeiter aus der Region, die jetzt eine Ausbildung auf der Ausgrabungsstätte machen. Und das soll erst der Anfang sein.

Oben auf dem Berg liegt die berühmte Grabungsstätte Pergamon, ihr zu Füßen die Stadt Bergama. Da wohnt Sami Demir schon sein ganzes Leben lang, seit 50 Jahren. Dass oben auf dem Berg Archäologen aus Deutschland arbeiteten, machte ihn skeptisch: "Früher dachte ich, ich sag es ganz offen: Warum suchen andere nach Altertümern in unserem Land? Das lag natürlich daran, dass wir über einiges nicht Bescheid wussten."

Erst herrschte Misstrauen

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Sami Demir und seine Frau freuen sich, dass es nun nicht mehr durch das Dach ins Gebäude regnet.

Einmal hat er sich geleistet, die Funde der antiken griechischen Stadt oben anzuschauen. Aber zum Grabungsteam hatte er nie Kontakt - bis vor Kurzem. Der Architekt Ilgin Kemaller stand plötzlich vor seiner Tür und bot ihm und auch anderen an, dass das Deutsche Archäologische Institut Istanbul das marode Dach neu decken würde - ganz umsonst.

Aber nicht nur Sami Demir war erstmal misstrauisch, erinnert sich der Architekt: "Die meisten haben gesagt, dass viele historische Funde von hier nach Deutschland verschleppt wurden. Ich habe versucht sie zu überzeugen, habe gefragt, was wohl aus diesen Werken geworden wäre, wenn sie heute noch hier wären. Denn viele dieser historischen Stücke sind in Haushalten benutzt worden, sind verloren gegangen oder mit Graffiti besprüht worden."

Haus ohne Dach in Bergama © ARD Foto: Karin Senz

Türkei: Archäologen als Dachdecker

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Dächer reparieren und Vertrauen aufbauen

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Auch die 52-jährige Ayfer Sasmazer ist begeistert, keine Eimer mehr in ihrem Haus aufstellen zu müssen, um dem Regen zu trotzen.

Das Haus von Sami Demir stammt aus dem 19. Jahrhundert, erzählt er stolz, während sich draußen vor der prächtigen Eingangstür ein Brautpaar fotografieren lässt. Er ist das gewohnt. Trotzdem: Noch einen Winter hätte er mit seiner Familie hier nicht mehr verbracht. Es hat überall rein geregnet.

Eine Reparatur konnte er sich nicht leisten - wie auch Ayfer Sasmazer. Die 52-Jährige hat sich wie Demir von Architekt Kemaller überzeugen lassen und sitzt mit ihrer Familie zum ersten Mal, seit sie das Haus vor über 30 Jahren gekauft haben, im Trockenen: "Nach diesen Reparaturen ist es toll, von hier aus dem Regen zuzuschauen. Früher hatten wir viele Eimer aufgestellt, die brauchen wir jetzt nicht mehr. Gott sei Dank", erzählt die kleine Person ganz gerührt und zeigt auf ihre Gänsehaut am Arm, die sie beim Gedanken an all das immer noch kriegt. Dann geht der Blick wieder kurz hoch zur Decke: "Wir haben sofort aufgeräumt, die Fassade draußen gestrichen, danach hier drinnen."

Bildung schafft Bewusstsein

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Architekt Ilgin Kemallar hat drei Jugendliche aus dem Ort mit in das Projekt eingebunden.

Jetzt ist das weiße Haus mit der blauen Türe und den blauen Fensterländen ein echtes Schmuckstück. So hatte sich Ulrich Mania das vorgestellt. Er ist der Grabungsleiter oben. Er und sein Team wollen natürlich die antiken Fundstücke restaurieren und erhalten, die zum Teil ohne Einzäunung mitten im Ort stehen. Aber eben auch die historischen Wohnhäuser. "Es braucht das Bewusstsein der Leute, dass sie damit was anfangen können", sagt er. Es brauche Bildung, und dazu versuche man einen kleinen Beitrag zu leisten.

Die Dächer hat ein Zimmermann gedeckt, zusammen mit ein paar Jungs aus dem Ort, die vorher keine richtigen Jobs hatten. "Da läuft viel schief unter den Jugendlichen hier. Zum Beispiel mit Drogen", erklärt Architekt Kemaller. Deswegen hätten sie sich auch mit der Auswahl der Menschen, die im Projekt mitarbeiten sollten, richtig schwer getan. "Viele Jugendliche hier schlafen bis nachmittags um zwei oder drei Uhr. Aber ich sehe das so, dass wir zumindest drei von ihnen von der Straße holen konnten."

Ausgräber als Ausbilder

Die drei machen jetzt auch gleich bei einem Workshop mit. Sechs Wochen lang lernen sie von zwei erfahrenen Steinmetzen auf der Grabung des Archäologischen Instituts. In der Türkei läuft die Ausbildung von Fachkräften normalerweise anders, sagt Grabungsleiter Mania: "Man arbeitet als Junge eben mit seinem Vater zusammen, und irgendwann kann man es auch." Aber das habe wenig mit einer Ausbildung zu tun, wie man es in Deutschland kenne, drei Jahre mit Berufsschule. Und es gebe einen weiteren Aspekt: "Uns geht's auch darum, dass wir aus dem Schema rauskommen, dass immer nur die Söhne von den Vätern lernen." Wenn das Team jetzt nicht nur einen, sondern drei, vier Leute ausbilde, dann habe das natürlich eine gewisse Breitenwirkung.

Erster Einsatzort für Kenan und Aytan ist an der sogenannten Roten Halle, einem Ziegelbau aus Römischer Zeit. Hier dürfen sie in den nächsten Wochen mithelfen Bögen zu sichern und auszubessern. Die beiden sind Anfang 20. Um 7 Uhr morgens geht es los. Der Ruf der deutschen Pünktlichkeit und Disziplin hat sie nicht abgeschreckt. Im Gegenteil, sie seien total dankbar für diese Chance, versichert Kenan: "Natürlich fangen wir sehr früh an. Aber wenn man was gerne macht, gibt's keine Aufgabe, die man nicht meistern könnte. Ich hatte überhaupt keine Angst und habe auch gesagt, dass ich alles mache, was mir gesagt wird."

Ungewöhnliche Töne in einem ungewöhnlichen Projekt

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Der Ort Bergama soll vom Tourismus profitieren, den die Ausgrabungsstätte anlockt.

Die Augen des jungen Mannes blitzen neugierig. Seinen gelben Bauhelm trägt er ganz stolz auf dem Kopf - wie auch sein neuer Kollege Aytan.  Der schaut immer wieder zu seinem Ausbilder: "Unsere Lehrer sind wirklich zuckersüß. Wenn sie zum Beispiel was von uns wollen, sagen sie das nicht im Befehlston, sondern sie bitten darum."  Und sie wüssten, wie man etwas erklärt. "Auch wenn ich was falsch mache, sagen sie nicht: Warum hast du das so gemacht? Sie geben Ratschläge wie: Es wäre besser, wenn du das so machst. Manchmal fragen sie uns sogar selber um Rat. Sie halten sich nicht für überlegener."

Ungewöhnliche Töne in einem ungewöhnlichen Projekt. Grabungsleiter Mania und sein Team haben aber noch viel mehr Pläne. Dazu gehört eine Schauwerkstatt. Da wollen sie zum einen Touristen zeigen, wie sie restaurieren. Zum anderen wollen sie aber auch den Einheimischen was bieten: "Eine Möglichkeit wäre, dass wir einen Werkzeugpool dort anlegen, aus dem sich die Bewohner des Nachbarviertels, wenn sie irgendwelche Bauten zu Hause machen, irgendwelche Reparaturen am Haus, sich eben Werkzeug ausborgen können."

Der Ort soll profitieren

Mania trägt feste Schuhe und ein Tuch um den Kopf zum Schutz vor der Sonne. Sein Gesicht ist tief gebräunt. Wenn er und seine Kollegen durchs Viertel direkt unterhalb des Grabungsgeländes laufen, halten sie immer wieder ein Schwätzchen. Allerdings verirren sich selten Besucher der Grabungsstätte hier runter. Die meisten kommen am Busparkplatz außerhalb an, besichtigen die Altertümer und düsen nach ein paar Stunden wieder ab.

Aber auch dieses Problem ist das Grabungsteam angegangen. Mania deutet auf ein mannshohes Drehkreuz mitten in der Landschaft: "Der Ort soll schließlich auch vom Tourismus profitieren", findet er. So wird das Drehkreuz zum Symbol: Der hohe Zaun zwischen Grabung und Ort wird durchlässig durch findige Projektideen und offene Herzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 25.08.2019 | 13:30 Uhr