Stand: 20.03.2019 09:54 Uhr

Flüchtlingshilfe in der Türkei

von Karin Senz, Korrespondentin im ARD-Studio Istanbul

Rund 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei, so viele, wie in keinem anderen Land. Vor drei Jahren schloss die EU mit Ankara den Flüchtlingspakt. Damit sagte Brüssel Hilfen in Milliarden-Höhe zu. Viele Hilfsorganisationen versorgen Flüchtlinge allerdings ganz ohne Zuschüsse. Denn die Formalitäten rund um die Anträge seien viel zu kompliziert, heißt es immer wieder. TIAFI kümmert sich mit dem Baden-Württembergischen Verein "3 Musketiere" vor allem um syrische Frauen und Kinder in Izmir an der türkischen Ägäis. Weil Spenden nicht ausreichen, sind kreative Ideen gefragt.

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Anne O’Rourke lebt schon seit vielen Jahren in der Region Izmir und bietet Gesprächskreise für syrische Frauen an.

Anne O’Rourke steht an der Eingangstür einer heruntergekommenen Fabrikhalle. Hosgeldiniz, sagt sie immer wieder auf Türkisch. Damit begrüßt sie türkische Männer aus der Nachbarschaft. Die meisten sind obdachlos. Hier kochen syrische Frauen jeden Tag 250 Essen nicht nur für syrische Flüchtlinge, sondern für alle, die Hilfe brauchen, erklärt die Irin. Sie lebt schon seit vielen Jahren in der Region Izmir. "Normalerweise bekommen die Syrer die Hilfe. Aber jetzt können sie der Gemeinde was zurückgeben. Das ist gut für ihr Selbstwertgefühl. Und es ist auch für die Gemeinde gut, dass die sieht, dass die Frauen sich integrieren und teilhaben wollen, dass sie helfen wollen."

Hilfe für Frauen und Kinder

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Die vom Krieg in Syrien traumatisierten Kinder werden von ehrenamtlichen Helfern betreut.

Der Fokus liegt aber auf syrischen Frauen und deren Kindern. In einem Nebenraum ist ein improvisierter Kindergarten eingerichtet mit roten Luftballons an der Decke. Die Kleinen sitzen mit ihrem syrischen Betreuer im Kreis. Firda aus Aleppo lebt mit ihren beiden Jungs und ihrer kranken Mutter schon seit einigen Jahren in der Türkei - ihr Mann ist in Deutschland und kümmert sich nicht mehr.

"Allein als Frau im Armen-Viertel von Izmir, das ist nicht leicht," erzählt die 32-Jährige. Vor allem wenn Männer das mitkriegen, dann beobachten sie sie. Aber Gott sei Dank, es sei noch nie was passiert. Die Hilfsorganisation TIAFI ist für sie wie eine Familie. Sie fühlt sich geborgen - und kann noch ein bisschen Geld verdienen.

Es fehlt immer am Geld

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Die Hilfsorganisation TIAFI versorgt die syrische Flüchtlinge mit allem Notwendigem, auch mit Essen und Unterkünften.

Sie nähen hier Taschen und Rucksäcke und verkaufen sie im Internet über den baden-württembergischen Verein "3 Musketiere". Geld ist immer knapp, seufzt Anne O’Rourke. Mit den Spenden kommen sie kaum über die Runden. Und von den EU-Milliarden bekommen sie nichts ab. Die Anträge seien kompliziert, die Bürokratie für eine kleine Hilfsorganisation wie TIAFI viel zu aufwendig: "Wir haben hier nicht erst ein Büro aufgemacht, schreiben keine Berichte oder machen Statistiken. Wir sind hier für die Leute da, geben ihnen was zu essen, wir versuchen für sie Unterkünfte zu finden, begleiten sie ins Krankenhaus, versuchen Plätze für ihre Kinder in den Schulen zu finden und ihnen beim Türkisch lernen zu helfen." Einer jungen Frau hat TIAFI auch etwas Startkapital gegeben. "Erst hat sie damit Parfüm gekauft, dann Parfüm und Eyeliner, dann Parfüm, Eyeliner und Wimperntusche. Jetzt hat sie ein paar Mädchen, die in der Nachbarschaft für sie Kosmetik verkaufen."

Kinder malen düstere Bilder

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In dieser alten Fabrikhalle kochen syrische Frauen jeden Tag 250 Essen nicht nur für syrische Flüchtlinge, sondern für alle, die Hilfe brauchen.

Ein Lichtblick für Anne O’Rourke in all dem Elend. Sie bleibt vor einer Reihe Bilder an der Wand stehen. Kinder haben sie gemalt. Auf einem ist einmal ein kleiner Junge zu sehen, wie er fröhlich am Strand spielt, und einmal, wie er tot am selben Strand liegt. Der achtjährige Mohammed hat gemalt, wie ihm Bomben das Herz zerreißen. Immer sind die Bilder düster, sagt sie, mit noch mehr Bomben. Regelmäßig kommen arabisch-sprechende Psychologen in die alte Fabrikhalle, um mit den traumatisierten Kindern und ihren Müttern zu arbeiten - ehrenamtlich.

Anne selbst bietet Gesprächskreise an, um bei den Frauen wieder ein bisschen Hoffnung zu wecken. "Ich hab viele Mütter getroffen, einige von ihnen waren noch richtig jung, gerade mal 26, 27. Die haben zu mir gesagt: 'Mein Leben ist vorbei. Aber das ist schon okay. Ich will nur, dass meine Kinder in die Schule können und ein gutes Leben haben werden'." Auch Ahmet aus Damaskus denkt so. "Ich will nach Europa, um da eine Zukunft zu haben, aber eine Zukunft für meine Kinder, damit die an die Universität gehen können. Ich sehe sie später vielleicht als Arzt, Anwalt oder Ingenieur. Denn ich habe in Syrien nicht weiter studieren können. Meine Frau ist Ingenieurin, hat aber nicht arbeiten können."

Hilfe wird immer gebraucht

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Ahmet ist selbst Flüchtling und packt bei TIAFI an und hilft, wo immer er kann.

Der 28-jährige Ahmet ist selbst Flüchtling und packt bei TIAFI an, wo immer er kann. "Manchmal arbeite ich in der Küche, koche oder spüle ab. Manchmal kommen syrische Frauen, um zu nähen. Dann gebe ich ihnen ein paar Tipps, wie sie die Nähmaschine bedienen. Manchmal helfe ich unten beim Saubermachen oder Streichen. Eigentlich spielt es keine Rolle, was ich mache. Ich helfe einfach gerne," sagt er mit einem munteren Lächeln. Einer der wenigen Erwachsenen hier, der unbeschwert und optimistisch wirkt. Der Schein trügt.

Ahmet ist aus der syrischen Armee desertiert, kann nicht mehr in sein Land zurück. Die Türkei kümmere sich gut um die syrischen Flüchtlinge, lobt er. Auch Firda, die junge Mutter aus Aleppo erzählt, dass ihre kranke Mutter beispielsweise im Krankenhaus umsonst Insulin bekommt. Trotzdem will sie weiter nach Deutschland. Da leben ihre beiden Brüder.

Weiter nach Griechenland

Die meisten hier würden es riskieren, mit dem Boot nach Griechenland zu fliehen, wenn sie das Geld hätten. O‘Rourke weiß das. "Ich habe gerade ein Video von den Camps auf den griechischen Inseln. Das werden wir den Leuten hier zeigen. Denn ich will, dass sie sehen, dass da nicht das Paradies ist, das sie sich erträumen. Und ich will, dass sie einfach wissen, wie gefährlich es ist auf dem Boot, viele Leute sind dabei ums Leben gekommen."

Die kleine Person mit dem großen Herzen greift sich eine Schneekugel von einem Tisch mit Spielzeug und dreht sie um. Kinder haben sie aus einem Marmeladenglas gebastelt. Die Irin lächelt gedankenversunken, während die goldenen Schnipsel im Wasser zu Boden tanzen.  "Ich dachte an einem Punkt, es hört auf, Europa würde eine Lösung finden. Aber es gibt wohl im Moment keine Lösung. Jeder versucht nur, Grenzen hochzuziehen. Das ist alles." Eines der Kinder drückt sich an ihr Bein, sie schenkt ihm ein Lächeln und streicht ihm liebevoll über dem Kopf.

Zwei ausgewachsene Schimpansen scheinen einem jungen Exemplar etwas zuzuflüstern. © picture alliance / Arco Images GmbH

Milizen und Schimpansen

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Die Themen im Echo der Welt: Flüchtlingshilfe in der Türkei | Partnersuche in China | Virunga-Nationalpark im Kongo | Schwer lösbarer Jemen-Konflikt | Essen in Frankreich

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NDR Info | Echo der Welt | 24.03.2019 | 13:30 Uhr