Stand: 11.01.2018 18:08 Uhr

Die Finnen und ihr Verhältnis zur Sauna

von Carsten Schmiester, Korrespondent im ARD-Studio Stockholm

Der Winter-Alltag in Finnland ist oft kalt und dunkel. Doch das Gute daran ist: Die Finnen können oft und lange in die Sauna gehen. Saunieren ist für Finnen, so deren Selbsteinschätzung, ein zentraler Bestandteil des Lebensgefühls. In der Sauna wird gelebt, geliebt und manchmal auch gestorben.

Wir sind irgendwo im wunderschönen Nirgendwo auf den finnischen Ålandinseln - genauer am Nordufer der kleinen Insel Vårdö - zu Gast bei Olof Salmi. Er betreibt hier an der Ostsee einen besonders schönen Campingplatz mit einigen Holzhütten und sogar mit einer Zeile ziemlich komfortabler hotelähnlicher Zimmer. Es sieht dort ein bisschen so aus wie in einem amerikanischen Motel, nur ist die Bauweise anders: Dicke Holzbalken sorgen für viel Gemütlichkeit.

Hergekommen sind wir aber nicht, um einfach nur finnische Hüttenbau-Kunst zu bewundern und in der Einsamkeit dieses Ortes mal richtig abzuschalten. Nein, wir wollen Finnland in seinem Zentrum erleben - und das ist seit Jahrhunderten die Sauna.

Die schwimmende Ostsee-Sauna

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Die selbst gebaute "schwimmende Sauna" eines etwas seltsamen Campingplatzbetreibers im äußersten Nordosten der Åland-Inseln.

Olof hat etwas ganz Besonderes zu bieten: Seine Sauna schwimmt. Ein umgebautes Gartenhäuschen steht auf einem Ponton, daneben ein kleiner Holzpavillon zum Um- und Ausziehen oder zum Abkühlen zwischen den Gängen.

Und schon kommt Olof um die Ecke, legt Holz in den einfachen Ofen, packt Zeitungspapier dazu und zündet das Ganze an: "Es sollte auf keinen Fall zu heiß werden, nicht mehr als 70 bis 80 Grad Celsius. Wenn du dann ordentlich Wasser auf die Steine gießt, steigt die Luftfeuchtigkeit, und es fühlt sich viel heißer an!"

Aber noch ist es nicht einmal richtig warm. Gar nicht so einfach, das Feuer in Gang zu bekommen. Leute aus der Stadt können so etwas überhaupt nicht mehr, sagt Olof: "Ich werde da mal ein bisschen nachhelfen. Hier, dafür nehme ich so etwas wie Kerosin. Und dann schauen wir mal, wie es richtig anfängt zu brennen."

Anzünden ohne Abfackeln

Es fängt an zu brennen - und das ziemlich schnell und heftig. Das mit dem Kerosin sieht jetzt nicht gerade aus wie der sichere Tipp der Feuerwehr, aber es funktioniert. Olof hat das schon tausend Mal gemacht und läuft keine Gefahr, seine simple und etwas schräge, aber gerade deshalb urgemütliche schwimmende Sauna abzufackeln. "Damit kann man wirklich auf die See hinausfahren. Ich nehme dann einen Freund mit und eine Kiste Bier. Aber wir kommen nicht aus eigener Kraft zurück. Dafür rufe ich ein Motorboot. Vorher angeln wir und trinken das Bier und gehen in die Sauna."

Finnland ist und bleibt ein Saunaland

Und schon sind wir mitten im Thema: Die Finnen und ihre Sauna. Davon gibt es im Land etwa drei Millionen, bei "nur" fünfeinhalb Millionen Einwohnern. Eine solche Saunadichte ist weltweit einzigartig und erklärt sich aus der Geschichte. Zwar haben die Finnen das Saunieren nicht erfunden - das Prinzip gibt es seit der Steinzeit -, aber sie haben es kultiviert und zum Teil ihres Lebens gemacht, sind damit zu Wegbereitern und Vorbildern geworden.

Allerdings aus sehr praktischen Gründen. Das Leben war einfach. Sauna, das war vor allem Sauberkeit, und damit haben sie es in der Vergangenheit nicht gerade übertrieben, sagt Olof: "Früher ist man nicht jeden Tag in die Sauna gegangen, in meiner Familie nur einmal die Woche, immer sonnabends. Heute fühlen sich die Leute nicht gut, wenn sie nicht morgens und abends duschen. Aber das Saunieren sollte man nicht übertreiben."

Das Lebensgefühl der Finnen

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Auch "Echo der Welt"-Reporter Carsten Schmiester schwitzt in der Sauna.

Ein bis drei Mal die Woche reicht, sagt Olof. Für den Körper, für die Seele - und auch für die innere Verbindung mit dem eigenen Finnisch-Sein, das ohne Sauna nun einmal undenkbar ist. Sauna haben sie irgendwie in den Genen, seit vielen Generationen.

Olof kommt ins Erzählen: Wenn sich früher ein Mann und eine Frau ineinander verliebt und entschlossen hatten, zusammenzuleben, "dann haben sie sich ein Plätzchen im Wald gesucht - und dort nicht erst ein Haus, sondern eine Sauna gebaut im Frühjahr. Wenn die fertig war, sind sie reingegangen - und was ist da wohl passiert? Sie haben das erste Kind gemacht."

Der finnische Kreislauf des Lebens

Das Kind ist dann - mit vielen anderen - im Haus aufgewachsen, mitten im Wald und damit auch in der Sauna. Irgendwann hat es seine eigene Sauna gebaut - und so weiter. Ein sehr finnischer Kreislauf des Lebens. "Man wurde in der Sauna geboren, weil die Leute damals nicht zur Geburt in ein Krankenhaus gefahren sind. Das haben sie alles selbst gemacht. Tja, und oft genug sind die Menschen auch in der Sauna gestorben."

Zumindest das ist heute anders. In der Sauna wird gelebt, sicher noch immer auch noch geliebt, wenn niemand sonst drin ist. Wenn doch, dann macht man es sich eben gemeinsam gemütlich. Na ja, je nach Nationalität.

Da hat Olof auf seinem Campingplatz interessante Beobachtungen gemacht, etwa bei den deutschen Gästen: "Die buchen die Sauna immer gleich für zwei Stunden, essen da sogar. Schweden sehen das Ganze mehr als Spiel, nehmen es nicht so ernst. Wir Finnen dagegen wissen, was zu tun ist. Für uns ist Schwitzen das Wichtigste, nicht Plantschen oder so etwas. Danach springen wir zum Abkühlen ins Wasser und gehen nach Hause!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 14.01.2018 | 13:30 Uhr