Die Reportage

Runter vom Sofa, rein ins Dorf

Sonntag, 16. September 2018, 06:30 bis 07:00 Uhr, NDR Info

Kulturzentrum Kornspeicher Freiburg © NDR Fotograf: Claas Christophersen

Runter vom Sofa, rein ins Dorf

NDR Info - Die Reportage -

Das niedersächsische Dorf Freiburg wollte sein ehemaliges Getreidelager eigentlich abreißen. Doch eine Bürgerinitiative machte aus dem Kornspeicher ein Kultur-Zentrum.

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Das Kulturzentrum "Kornspeicher" in Freiburg an der Elbe
Von Claas Christophersen und Norbert Zeeb

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Dorfschulleiter Jörg Petersen gründete eine Bürgerinitiative und rettete den Kornspeicher vor de Abriss.

Fast wäre es vorbei gewesen mit dem Kornspeicher aus dem 18. Jahrhundert, im Ortskern des niedersächsischen Dorfes Freiburg, knapp 90 Kilometer von Hamburg entfernt. 2003 wollte die notorisch klamme Gemeinde das ehemalige Getreide-Lager abreißen. Doch Dorfschulleiter Jörg Petersen gründete eine Bürgerinitiative, die Geld, viele Menschen und noch mehr Herzblut mobilisierte, um das massive Backsteingebäude zu retten. Und das kam so: "Ich selber bin damals auf dieser Ratssitzung gewesen, habe zugehört. Und ich ging die Treppe runter. Mich begleitete eine Bürgerin aus Freiburg, und die sagte, das kann nicht angehen, man müsste eine Bürgerinitiative gründen. Und ich sagte einfach nur so leichtfertig hin, ja, das müsste man vielleicht machen, und habe nicht mitbekommen, dass hinter mir eine Redakteurin vom Stader Tageblatt die Treppe runterging. Und in der Berichterstattung am nächsten Tag über die Ratssitzung, da fand sich der Satz: Der ehemalige Ratsherr Jörg Petersen aus Freiburg beabsichtigt, eine Bürgerinitiative zu gründen, um den Speicher zu retten …"

Das soziokulturelles Zentrum in Kehdingen

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Der Historische Kornspeicher in Freiburg an der Elbe ist seit 2014 in Betrieb.

Und Petersen legte tatsächlich los. Es folgten zehn mühsame Jahre der aufwändigen Sanierung und Finanzakquise, bis der Kornspeicher 2014 schließlich eröffnete. Um wirtschaftlich zu überleben, ist das Haus bis heute auch auf Vermietungen, etwa an Hochzeits- oder Geburtstagsgesellschaften, angewiesen. Mit den eigenen Veranstaltungen hat sich der Kornspeicher aber mittlerweile als soziokulturelles Zentrum in Kehdingen etabliert, einer von Abwanderung und demografischem Wandel schwer gebeutelten, strukturschwachen Region. Jörg Petersen meint: "Soziokultur bedeutet eben nicht nur, dass man Kultur anbietet, sondern dass wir hier die Menschen zusammenholen, zusammenbringen, dass sie sich austauschen, miteinander reden, miteinander Spaß haben, dass sie das erleben, was sie eigentlich im Laufe der letzten Jahrzehnte verloren haben mit zunehmender Individualisierung, Rückzug ins Wohnzimmer vor den Fernseher, mit dem Sterben der Kneipen, und das Interesse an unserem Angebot und an dem Haus bestätigt uns, dass wir tatsächlich damit einen Bedarf abdecken."

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Etwa einhundertfünfzig Menschen sind gekommen, um der Musik der sechsköpfigen Kehdinger Band "Thomstudio" zu lauschen.

Mittlerweile hat mit dem Kornspeicher eine Kulturstätte eröffnet, die den Menschen in der "strukturschwachen" Region Kehdingen von klassischen Konzerten bis zum Carrera-Bahn-Wettrennen alles bietet, was sie von ihren Sofas aufstehen lässt. Die Reportage ist dabei, wenn die Bluesband von nebenan im ausgebauten Dachgeschoss des Speichers auftritt; wenn Projekt-Initiator Jörg Petersen Zugezogenen die norddeutsche Lebensart näherzubringen versucht und wenn Hamburger Studenten einen Poetry Slam organisieren, der auch die jungen Menschen in das Kulturzentrum locken soll.