Stand: 08.06.2018 16:34 Uhr

Papst soll Worten auch Taten folgen lassen

von Florian Breitmeier
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Florian Breitmeier ist Redakteur in der Redaktion Religion und Gesellschaft.

Der Brief aus Rom erreichte den Münchener Kardinal Reinhard Marx am vergagenen Montag. Da war bereits vermeldet worden, dass der Papst einen Vorstoß deutscher Bischöfe zur Teilnahme protestantischer Ehepartner an der Kommunion fürs Erste gestoppt hatte. Das katholische Kirchenoberhaupt sei der Auffassung, dass ein von der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedetes Reform-Dokument nicht reif zur Veröffentlichung sei, hieß es. Die Mehrheit der deutschen Bischofskonferenz war für eine Öffnung, sieben Oberhirten waren dagegen. Mit dem Brief aus Rom ist ein wochenlanger Streit unter den Bischöfen vorerst entschieden.

Am Donnerstag kommt der neue Film von Wim Wenders über Papst Franziskus in die deutschen Kinos. Der Titel: "Ein Mann seines Wortes". Das passt paradoxerweise auch zum aktuellen Streit unter katholischen Bischöfen hierzulande. Der Papst hatte ja zunächst die deutschen Bischöfe aufgefordert, in dem Kommunionstreit selbst eine Lösung zu finden, "möglichst einmütig", wie es hieß. Und das wiederum passt zu seinem programmatischen Wort von einer "heilsamen Dezentralisierung". Gut drei Wochen nach dem Treffen einiger Bischöfe in Rom hat Franziskus mitten in der deutschen Entscheidungsfindung tatkräftig die Stopptaste gedrückt. Das hat viele überrascht. Die Bischofskonferenz soll erst mal nichts entscheiden oder veröffentlichen. Der Vatikan nimmt sich des Falls an. Von "heilsamer Dezentralisierung" keine Spur. Die Kurie in Rom versucht nun auf weltkirchlicher Ebene eine "baldige Klärung" herbeizuführen - mit ausdrücklicher Zustimmung des Papstes. Eine franziskanische Wende. Der Papst, ein Mann seiner Taten.

Im Kommunionstreit klafft da ein Widerspruch, der viele verstört und verärgert. Franziskus zögert und zweifelt. Die Frage des Kommunionempfangs für evangelische Ehepartner im Einzelfall ist nirgendwo so relevant wie in Deutschland. Keine Frage: Es wäre ungerecht, Franziskus pauschal einen Bremser in der Ökumene zu nennen. Seine jüngste Entscheidung zeugt aber davon, dass er nach den weltweiten Diskussionen und Streitigkeiten um sein Lehrschreiben "Amoris Laetitia" vorsichtiger geworden ist. Dort wird ja in einer Fußnote ein Weg geebnet, um geschiedenen Wiederverheirateten im Einzelfall die Kommunion zu ermöglichen. Das gab Zuspruch, aber auch Widerspruch.

Macht es, aber schweigt darüber

Weil dem Papst im Zweifelsfall aber die Einheit wichtiger ist als der Konflikt, möchte er in dieser konkreten Ökumene-Frage erst mal Zeit gewinnen. Das schmerzt. Es ist ja auch kaum zu verstehen, dass selbst Kritiker der Handreichung wie der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki kein Problem damit haben, wenn im pastoralen Einzelfall dem evangelischen Ehepartner die Hostie gereicht wird, diese Möglichkeit aber um Himmels Willen nirgendwo fixiert werden soll. Der Magdeburger Oberhirte und Ökumene-Bischof Gerhard Feige hat deshalb recht, wenn er in diesem Zusammenhang eine gewisse Doppelmoral beklagt. Frei nach dem Motto: Macht es, aber schweigt darüber und schreibt bloß nichts auf! Das mag praktisch und pragmatisch anmuten, ist aber im Kern alles andere als authentisch und aufrichtig. Entschieden ist in der Streitfrage gleichwohl nichts. Vielleicht hat der Papst in dem Fall auch noch eine weitere Wende im Sinn. Die in dem Schreiben aus Rom angekündigte "baldige Klärung in dem Konflikt" könnte nämlich am Ende so aussehen:

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"Der Papst ist nicht nur ein Ideengeber, Möglichmacher und Moderator - er soll entscheiden", findet Florian Breitmeier.

Der Vatikan formuliert eine Satzung, wonach die Bischofskonferenzen - im Zuge einer heilsamen Dezentralisierung - neue Entscheidungskompetenzen zugewiesen bekommen, "einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität". Nichts anderes hat Franziskus 2013 in seinem programmatischen Schreiben "Evangelii Gaudium" formuliert. Diesen Gedanken nun auf den jüngsten Kommunionstreit unter den deutschen Bischöfen angewandt: Tritt eine Bischofskonferenz geschlossen auf, kann sie pastorale Entscheidungen treffen. Gibt es aber Unstimmigkeiten, die sich nicht einfach überwinden lassen, dann greift zunächst Rom ein. Das entscheidende Urteil liegt dann aber beim jeweiligen Ortsbischof. Das klingt ja bereits in dem Schreiben der Glaubenskongregation an Kardinal Marx an. Dies ließe den Ortsbischöfen entscheidenden Spielraum.

Wem nützt die Briefaffäre?

Bleibt noch eine Frage: Wem nützt es, dass der Brief aus dem Vatikan im Internet veröffentlicht wurde, bevor ihn der Adressat, Kardinal Marx, erhielt? Sicher nützt das denjenigen an der Kurie, die einen Machtverlust befürchten, wenn beispielsweise Bischofskonferenzen im Zuge einer franziskanischen Dezentralisierung immer mehr Entscheidungen ohne die Zentrale in Rom treffen können.

Die Sorge: Braucht es dann überhaupt die Kurie - all die Dikasterien, Räte und Kommissionen, Büros und Posten? Die Brief-Affäre verrät mutmaßlich auch etwas über institutionelles Beharrungsvermögen und den Egoismus einzelner Mitarbeiter an der Kurie. Aber nicht nur. Der durchgestochene Brief nützt auch denjenigen, die dem deutschen Bischofskonferenzvorsitzenden einen dominanten Führungsstil vorwerfen. Die Position von Kardinal Marx innerhalb des Gremiums ist durch den Vorgang jedenfalls stark erschüttert. Das gilt auch für seine Rolle als enger Papstvertrauter und Leiter des Wirtschaftsrats im Vatikan, der unter anderem die Bilanzen sämtlicher Vatikanbehörden kontrollieren soll. Damit macht man sich nicht nur Freunde.

Was kann Franziskus tun?

Bleibt noch der Papst. Dem wurde durch die Briefaffäre aufgezeigt, dass "Vatileaks" nach Belieben reaktiviert werden kann. Schon einmal ist ein Papst an Indiskretionen gescheitert. Kurzum: Es reicht nicht, als Papst einfach nur Prozesse in Gang setzen zu wollen. Der Papst ist nicht nur ein Ideengeber, Möglichmacher und Moderator. Was kann Franziskus tun? Er soll entscheiden. Und seinen Worten Taten folgen lassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Blickpunkt: Diesseits | 10.06.2017 | 12:05 Uhr