Stand: 14.03.2018 15:08 Uhr

Zeit der TV-Straßenfeger ist längst vorbei

An diese TV-Krimi-Serie erinnern sich wohl nur die etwas älteren Fernsehzuschauer: Vor 60 Jahren wurde die erste "Stahlnetz"-Folge ausgestrahlt. Die Filme von Jürgen Roland und Wolfgang Menge waren sogenannte Straßenfeger - heute kennt diesen Begriff kaum jemand mehr.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

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So sah es aus, das "Straßenfeger-Fernsehen" der 1950er- und 1960er-Jahre.

14. März 1958. Es läuft die erste Folge des Fernsehkrimis "Das Stahlnetz". Wer einen Fernseher hat, sitzt vor selbigem. Wer noch keinen sein Eigen nennen darf - und das sind wohl die meisten -, drängt sich bei dem Nachbarn auf, der sich bereits einen Loewe Opta leisten kann und an Abenden wie diesem gesamtgesellschaftlich gezwungen ist, das Sehvergnügen zu sozialisieren. Wobei sozialisieren auch wieder kein guter Begriff ist - mitten im Wirtschaftswunder.

Eine Einschaltquote um 90 Prozent

Alle saßen sie damals drinnen, manche vielleicht auch draußen in der Kälte vor dem Schaufenster eines Fernsehgeschäftes, das seine Auslage zum Kino umgestaltet hatte. Viele zumindest saßen drinnen, die Bürgersteige waren hochgeklappt - auch so ein Begriff aus längst vergangenen Zeiten. Straße fegen war leicht. Die Einschaltquote lag bei um die 90 Prozent. Solche Ergebnisse erreichte sonst nicht einmal die CDU unter Konrad Adenauer, und für Walter Ulbricht war es dann doch etwas wenig.

Junge Frauen schauen gemeinsam TV © Hannes Eichinger/Fotolia.com Foto: Hannes Eichinger

Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis ist out

NDR Info - Auf ein Wort -

Der TV-Krimi "Das Stahlnetz" war der erste wirkliche Straßenfeger: Keiner war mehr draußen, als der Film im Fernsehen lief. Gibt's so was noch? Udo Schmidt bittet auf ein Wort.

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Der Kegelabend wurde geschwänzt

Der Straßenfeger, das war damals der Moment, in dem man die frisch bezogene Etagenwohnung nicht verlassen konnte - die Nissenhütte war schon lange plattgewalzt - und den Kegelabend schwänzen musste. Den Kegelabend, den ein Kegelbruder (meistens waren da ja Brüder unterwegs) fahrlässig auf den falschen Termin gelegt hatte. Wohl die "Hörzu" nicht gelesen?

Nach Sendeschluss blieb Zeit zum Diskutieren

Also, Käse- und/oder Mett-Igel auf den Tisch, HB oder Overstolz bereitgelegt und den Doornkaat schon mal aufgeschraubt. Straßenfeger verlangten den Zuschauern schließlich einiges ab, inklusive Diskussion über das Gesehene gleich nach dem Krimi, wenn auf der Mattscheibe (heute ist es der Flatscreen) schließlich nur noch das Testbild zu bewundern war. Testbild? Ich sage jetzt nichts mehr ...

Jeder guckt für sich alleine

Heute ist so ein Straßenfeger ja doch sehr individuell verästelt. Der Tatort im Ersten könnte straßenfegend wirken, aber gucken Sie den noch genau um 20.15 Uhr? Straße fegen ist doch jetzt zeitsouverän - oder auch on demand. Gucken, wann Sie wollen - aus der Mediathek, der Cloud, was auch immer ...

Kegeln läuft ja auch nicht mehr so gut. Wenn Kegelbrüder- und nun auch -schwestern mit der Zeit gehen, dann heißt das vor allem, dass sie älter werden. Kürzlich wurde eine Rampe vorgestellt, mit der sich die Kegelkugel von oben auf die Bundeskegelbahn leiten lässt - für Kegelbrüder, die Rücken haben. Da kommt es dann schnell zum gefürchteten Pudel. Die Jüngeren unter uns dürften ratlos sein, da auch der zur Karikatur geschorene Hund gleichen Namens weitestgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden ist.

Und was passiert bei Kaiserwetter?

Kegelabende bei Kaiserwetter. Da sitzt man dann schnell einmal mutterseelenallein vor "allen Neunen", während draußen die wahre Augenweide zu bewundern ist.

Kürzlich schrieb mir eine Freundin, der ich ein Foto schneebedeckter Berge bei blauem Himmel schickte, dies sei ja Kaiserwetter. Diese Freundin ist vergleichsweise jung, monarchistischer Umtriebe unverdächtig und sicher nicht rückwärtsgewandt. Kaiserwetter 2018, es gibt also doch noch Hoffnung für den einen oder anderen älteren Begriff, liebe Straßenfeger.

Weitere Informationen
03:03

Das "Stahlnetz" fesselte die Fernsehzuschauer

14.03.2018 09:55 Uhr

Als die "Stahlnetz"-Krimis im Fernsehen liefen, war es leer auf den Straßen. Jürgen Roland und Wolfgang Menge hatten die Reihe erfunden, die 1958 zum "Straßenfeger" wurde Audio (03:03 min)

60 Jahre Stahlnetz: Der erste Straßenfeger

Am 14. März 1958 strahlte die ARD die erste Folge der Krimiserie Stahlnetz aus - und ganz Deutschland saß vor der Glotze. Die Filme von Regisseur Jürgen Roland waren ein Straßenfeger. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 14.03.2018 | 18:25 Uhr