Stand: 21.05.2019 14:39 Uhr

Wenn der Lockvogel aus Russland zuschnappt

Die "Ibiza-Affäre" um den nun Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wirbelt gerade unser Nachbarland Österreich ziemlich durcheinander. Die angebliche Nichte eines russischen Oligarchen hatte Strache dazu verleitet, seine geheimen politischen Überzeugungen zu offenbaren. Und auch in einem anderen Politik-Skandal der jüngsten Zeit spielt eine junge Frau aus Russland die Rolle des Lockvogels.

Eine Glosse von Joachim Hagen, NDR Info

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Die Gemütslage von Heinz-Christian Strache war bestimmt schon mal besser.

Die Nichte eines russischen Oligarchen mit dreckigen Fußnägeln. Wie viele Wodka Red Bull muss man getrunken haben, um da nicht misstrauisch zu werden? Aber Gier vernebelt das Gehirn - und das gilt auch für die Gier nach politischer Macht.

Heinz-Christian Strache war zwar am Ende des stundenlangen Gesprächs auf Ibiza noch misstrauisch geworden und fragte, ob das eine Falle sei. Aber da war es schon zu spät.

Der österreichische FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache fasst sich mit einer Hand an seinen Hinterkopf. © dpa picture alliance Foto: Helmut Fohringer

Ein unwiderstehliches Angebot

NDR Info - Aktuell -

Eine junge Russin spielt in der "Ibiza-Affäre" um Heinz-Christian Strache die Lockvogel-Rolle. Für Populisten ein unwiderstehliches Angebot, meint Joachim Hagen in seiner Glosse.

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Ein weiteres unwiderstehliches Angebot

Das Angebot, mit einer russischen Oligarchen-Nichte eine zuckrige Koffein-Brause trinken zu können, ist für - sagen wir mal - Politiker mit einfachem Weltbild offenbar unwiderstehlich. Auch im Wahlkampf von Donald Trump spielt eine junge Russin eine zweifelhafte Rolle. Diese russische Anwältin hatte sich mit einem Sohn Trumps getroffen und ihm schmutzige Details über Hillary Clinton angeboten. Was aus diesem Angebot geworden ist, das weiß nur Sonderermittler Mueller. Aber Trump Junior soll auch ganz Feuer und Flamme gewesen sein.

"Lockvogel spezial" für Populisten?

Wenn man kurzfristig in dieses simple Weltbild von bösen Mächten, die arme Populisten in den Abgrund ziehen wollen, eintauchen würde, also, wenn man diese Verschwörungstheorie mal probeweise für wahr halten würde, dann stellt sich die Frage: Warum bedienen sich diese Strippenzieher des Verderbens so gerne russischer Damen? Gibt es eine Art "Lockvogel spezial" für Populisten?

Aber warum auch nicht. So unwahrscheinlich ist das gar nicht: Zahnärzte wurden mit sogenannten Bauherren-Modellen in die Pleite gelockt, weil man damit angeblich Steuern sparen konnte. Oder der Enkeltrick: Ein entfernter Verwandter in Afrika soll ein Vermögen hinterlassen haben. Man müsse nur einige Hundert Dollar zahlen, um die Überweisung auf den Weg zu bringen, so eine E-Mail in fehlerhaftem Englisch. Seit der Erfindung des Internets sind Tausende unbedarfte Computerbesitzer darauf reingefallen.  

Der Glaube an den unbegrenzten Reichtum

Für rechtslastige Populisten ist also die "junge Russin" der Lockvogel der Wahl. Blonde Haare, kurzes Glitzerkleidchen und hochhackige Sandalen - man kann sich schon vorstellen, was Strache mit seinem "Bist Du deppert, die ist schoarf" meinte. Der Glaube an den unbegrenzten Reichtum russischer Oligarchen tut ein Übriges.

Dass man als Nichte eines Oligarchen nicht unbedingt Zugriff auf dessen Milliarden haben muss, auf diesen Gedanken scheinen Strache und sein ehemaliger Leibfuchs nicht gekommen zu sein. Dazu kommen noch ein paar Bilder vom natürlichen Leben in der Tundra, wie es Putin so gerne mit nacktem Oberköper zelebriert, und schon scheint auch der Dreck unter den Zehennägeln einer Oligarchen-Nichte nicht mehr ganz so unwahrscheinlich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 21.05.2019 | 18:25 Uhr