Stand: 25.04.2019 15:01 Uhr

Öffentliche Heiratsanträge sind echt peinlich

Vor der Hochzeit - das ist ja klar - steht der Antrag. Das kann eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen bleiben - oder eben auch in der Öffentlichkeit zelebriert werden. Dann allerdings wird es meist eins: peinlich!

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Den Ideen bei den Heiratsanträgen sind keine Grenzen gesetzt.

Für den zartbesaiteten Fremdschämer vom Lande beginnt nächste Woche die Krisensaison, wenn die ersten Dorfgilden, Bürgerfeste und Schützenvereine ins Freie drängen.

Da kann es dann geschehen, dass der Dennis von seinem johlenden Umfeld auf die Bühne geschubst wird, vor dem versammelten Publikum auf die Knie geht und seiner Nina einen Heiratsantrag zusammenstammelt, wie er ihn sich aus amerikanischen Schnulzen abgeguckt hat, wo ja aus gleichem Anlass komplette Baseballstadien in einem Rührungs-Tränenmeer versinken.

Ein Mann macht einen Heiratsantrag. © picture alliance / dpa Themendienst

Die schwierige Sache mit dem Heiratsantrag

NDR Info - Auf ein Wort -

Sind Heiratsanträge eine private Angelegenheit - oder sollten die Heiratsfreudige die Zeremonie öfter öffentlich machen? Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Hier und heute stellt sich heraus: Die gesamte Wiese war offensichtlich eingeweiht, mit Ausnahme besagter Nina als Objekt einer Aktion, die wir Juristen als vollendete Nötigung bezeichnen. Beim peinlich berührten Betrachten meiner Schuhspitzen hält ein innerer Verteidiger sein Plädoyer: Der Dennis ist in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen.

Beweisstück A ist ein Gedicht seiner Familie in der Tageszeitung zum 18. Geburtstag mit "Hurra, es ist wahr, na klar, unser Denniputzi wird 18 Jahr". An seinem Ausbildungsplatz bei Tiefbau Kröger hat man sich tagelang vor Lachen im Schotterbett gewälzt. Bis in die Gesellenprüfung hinein hat mein Mandant auf den Namen "Putzi" gehört.

Unverhältnismäßige öffentliche Vorstrafe im Alter von 30, als sich der sogenannte Freundeskreis trotz mehrfacher Ermahnung um einen Polterabend geprellt fühlte. Ich zitiere: "Er wollte es bis heute nicht wagen, bei seiner Nina mal wegen Hochzeit nachzufragen."

So kompromittiert ihn ein Gedicht im lokalen Anzeigenteil, verfasst in einem innovativen, bis dato weltweit unbekannten Versmaß. "Nun muss er sich regen und vor der Amtsverwaltung fegen bis eine Jungfrau eilt herbei und küsst unseren Putzi frei." Seitlich umrandet ist die soziale Apokalypse von den Absendern Ronja und Sven, Britta und Jörg, Heike und Kevin sowie acht anderen Verbandelungen, die längst in einem Wort geschrieben werden. Zum Termin wurde die achtjährige Leonie vorgeführt, die außer Mutti und Meerschweinchen überhaupt nichts küsst - und schon gar nicht den steinalten Dennis an seinem Straßenbesen.

Während jetzt die Beatkapelle mit "Pretty Woman" und Hochzeitsmarsch jedwede Zweifel ausräumt, fällt das Urteil im Namen des Volksfestes: lebenslänglich! Wegen der besonderen Schwere des Vergehens wird der Beschuldigte zeitnah in einer Stretch-Limousine mit nachfolgendem Hupkonzert zum Standesamt gefahren, muss vor dem Rathaus irgendwas durchsägen - und beim Polterabend im Vereinsheim gibt's Sprudel-Korn zu Hits von Wolle Petry und "Manamana" mit bestickten Wollsocken als Kasperle-Theater aus grünen Papiertonnen. Die Sitzung ist geschlossen. Ach ja: Herzlichen Glückwunsch!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 25.04.2019 | 18:25 Uhr