Stand: 23.08.2019 13:52 Uhr

Niedrigwasser im Talente-Pool der SPD

Eine ziemlich turbulente Woche liegt hinter der SPD. Inzwischen haben sich 17 Bewerberinnen und Bewerber um den Vorsitz gemeldet. Dürfen sich die Sozialdemokraten in Deutschland Hoffnung machen, dass sich ihre Lage bessert?

Eine Glosse von Marcel Güsken, NDR Info

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Geht der SPD die Luft aus? Oder startet sie zu einem neuen Höhenflug?

Dass in der SPD in diesen Tagen, sagen wir, nicht alles ganz rund läuft, merkt man unter anderem daran, dass den Berichterstattern langsam die Steigerungsbegriffe ausgehen. Beginnt man im politischen Alphabet bei A wie abgeschmiert, hangelt sich vorsichtig über B wie bankrott zu C wie chronische Krise weiter, bleibt man unweigerlich erst mal beim D hängen: Debakel, Desaster, alles im E wie Eimer, doch da ruft schon Malu Dreyer dazwischen: Wir müssen jetzt nach vorne schauen! Und richtig, da wartet schon das F - wie Fiasko.

Eine Pyramide aus Würfeln mit SPD-Logo.  Foto: Maurizio Gambarini

Am Ende des SPD-Tunnels ist es zappenduster

NDR Info - Auf ein Wort -

Nach einer turbulenten Woche gibt es mittlerweile reichlich Anwärterinnen und Anwärter für den SPD-Vorsitz. Aber reicht das? Marcel Güsken bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Doppel-Null statt Doppelspitze?

Die SPD und das Fiasko: Im aktuellen Fall wartet das Fiasko in Form der Landtagswahlen im Osten, doch viel länger schon haben sich beide auf das Prinzip der friedlichen Koexistenz verständigt. Eine neue Führung soll es nun richten, am besten eine Doppelspitze, aber irgendwie drängt sich bei diesem Begriff der Gedanke an die Doppel-Null auf.

Es schäfer-gümbelt in der Führungsreserve: Hinter demonstrativer Aufbruchstimmung ahnt man die leise Tragik von zu kleiner Schuhgröße in zu großen Fußstapfen. Am SPD-Personal kann man studieren, dass längst nicht in jedem Schafspelz ein politischer Wolf steckt, sondern häufig auch der genuine Besitzer.

Scholz-Reden bringen die SPD zum Träumen ...

Akutes Niedrigwasser also im Talente-Pool der SPD nach langer politischer Dürre - und das Stichwort "Trockenheit" führt uns wie selbstverständlich zu Olaf Scholz. Dabei kann der Hamburger durchaus auf besondere Qualitäten zurückgreifen, zum Beispiel auf Parteitagen. In seinen Reden erbringt er den Beweis, dass man jeden Anflug von Sinn innerhalb von höchstens drei vorgestanzten Sätzen verlässlich zum Verschwinden bringen kann. Und selten braucht er mehr als vier, bis beim Publikum Deltawellen nachgewiesen werden können: Indikatoren für einen gesunden Tiefschlaf.

Damit wäre auch das Motto seiner Bewerbung schon gesetzt: Scholz ist der Mann, der die SPD wieder zum Träumen bringt. Böswillig übertrieben sind übrigens Gerüchte, wonach mehrere Zuhörer zu Staub zerfallen sind, als sie in wachem Zustand eine einstündige Scholz-Rede über sich ergehen ließen. Für die Kostenstelle "Emotion" hat der Finanzminister immerhin eine Lösung gefunden: diesen Part übernimmt die Mit-Kandidatin Klara Geywitz. Frauensache eben.

Stegner, der letzte Rocker der SPD

Aber auch die Konkurrenz kann mit besonderen Fähigkeiten werben. Ralf Stegner zum Beispiel - der letzte Rocker der SPD, der Mann, der düsterer gucken kann als eine Prognose des Club of Rome. Im Herbert-Wehner-Contest für hartnäckige Übellaunigkeit soll er schon etliche Siege eingefahren haben.

Unter seiner Führung dürfte die SPD wieder zulegen - schon allein deshalb, weil alle - auch die Wähler - eine Heidenangst haben, andernfalls von Stegner angeraunzt zu werden.

Der Geruch von Konkursverwaltung

Inzwischen gibt es einen regelrechten Run auf das "schönste Amt gleich nach Papst", wie Franz Müntefering schwärmte. Aber längst hat der Job den Geruch von Konkursverwaltung. Zuletzt wechselten die Vorsitzenden schneller als die Spanne zwischen zwei Rasuren bei Christian Lindner. "Nach vorne schauen!", ruft da schon wieder Malu Dreyer dazwischen und wir folgen der Mahnung mit einem Blick auf die Wissenschaft: Physiker haben Materie-Teilchen entdeckt, die gerade mal 0,0000000000005 Sekunden existieren. Und da haben wir sie endlich, die gute Nachricht für die SPD: Man darf davon ausgehen, dass der oder die nächsten SPD-Vorsitzenden länger durchhalten. Ganz sicher. Zumindest sehr wahrscheinlich. Jedenfalls durchaus möglich.

Vielleicht hilft ja der Optimismus eines Mannes, der anderen immer schon einen Schritt voraus war, auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Wir sollten jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken, meinte dereinst Lothar Matthäus. Und deshalb schauen auch wir wieder nach vorne auf unser politisches Alphabet - und hangeln uns tapfer weiter: vom X wie XXL-Krise über das Y wie YouTube-Looser bis zum Z - wie zappenduster.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 23.08.2019 | 18:25 Uhr