Stand: 18.09.2019 16:35 Uhr

Mit Gelassenheit durch das Bahnchaos

Eine Glosse von Peter Hornung, NDR Info

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Kennen Sie auch die fünf Phasen des Bahnchaos-Opfers?

Wer regelmäßig Bahn fährt, kennt das alles: Eine von ihrer Hierarchie alleingelassene Zugchefin, Lieblingssatz in Wiederholungsschleife: "Ich habe immer noch keine Information von der Fahrdienstleitung". Zugbegleiter zwischen hilflos und überfordert oft kurz vor der Entgleisung: "Ich muss erst vor ins andere Abteil, da braucht jemand meine Hilfe dringender." Und: "Wir haben leider kein Wasser mehr." Und dazwischen Fahrgäste mit der ganzen Palette menschlicher Regungen und Emotionen, die fünf Phasen des Bahnchaos-Opfers sozusagen. Fängt an mit Genervtsein gepaart mit Ironie, dann staut sich Wut auf, befeuert mit zynischen Kommentaren, dann die Erschlaffung. Wer kann schon stundenlang wütend sein? Und schließlich eine buddhistische Gelassenheit, die irgendwann am Ende der Nacht übergeht in Glückseligkeit, ausgelöst durch die befreiende Einfahrt in irgendeinen Bahnhof, und sei es Verden an der Aller.

Mit Selbstbeschwörung durch die Krise kommen

Okay. Ganz lehrbuchmäßig war es bei mir letzte Nacht nicht. Ich habe tatsächlich mal versucht mit allerlei Selbstbeschwörung direkt von Phase eins, Genervtheit, zu Phase vier, Gelassenheit, zu gelangen und Wut und Erschlaffung zu überspringen. Mein Rezept: Ich mache mir innerlich eine Liste. Pluspunkte, Minuspunkte. Am Anfang hatte ich erst mal ganz viele Minus: losgefahren mit Verspätung, statt wie erhofft ein schicker ICE gab es einen Ersatz-Intercity mit halboffenen Abteilen in ranzig-gelb, schließlich die bittere Wahrheit: vor uns zwei Züge, Oberleitung durch Sturm runtergerissen, hinter uns zwei Züge, Oberleitung ebenfalls kaputt. Und dann noch das Bordrestaurant leergefuttert und leergetrunken.

Eine Uhr auf dem Hauptbahnhof in Osnabrück in einer Nahaufnahme. © NDR Foto: Britta Nareyka

Die fünf Phasen des Bahnchaos-Opfers

NDR Info - Auf ein Wort -

Stundenlang wegen Sturmschäden in einem Zug festzusitzen - das ist wahrlich kein Vergnügen, aber immer wieder Realität. Peter Hornung bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Sammeln von Pluspunkten hilft

Ich habe es trotzdem geschafft. Durch das Sammeln von Pluspunkten. Immerhin hatten wir Strom. Auf Twitter konnte ich sehen, wie andere Bahnopfer Bilder aus stromlosen, dunklen ICEs posteten und was von ausgefallenen Toiletten schrieben. Genau: Wir standen auch nicht im Funkloch, sondern hatten die ganze Zeit 4G. Ich dachte an die umgestürzten Bäume und daran, was das wohl mit der Klimakatastrophe zu tun haben könnte. Im globalen Kontext wirkt Warten im Wald dann tatsächlich als vergleichsweise kleines Übel.

Die Erkenntnis: Vielleicht ist das Bahnchaos manchmal nur eine Frage der Haltung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 18.09.2019 | 18:25 Uhr