Stand: 21.01.2019 14:33 Uhr

Jogginghosen sind alles - nur kein No-Go

Ihr Name täuscht Sportlichkeit vor, eigentlich aber ist sie eher für den gemütlichen Feierabend auf dem heimischen Sofa gemacht: die Jogginghose, der heute mit einem Internationalen Tag gedacht wird. Nicht alle mögen sie, manche finden sie geradezu peinlich, Marcel Güsken aber bricht eine Lanze für die Jogginghose und bittet auf ein Wort.

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Zu Hause voll okay, bei der Arbeit eher nee? Die Jogginghose hat viele Freunde, aber auch viele Feinde.

Ja, ja, natürlich haben sie jetzt Oberwasser mit ihrer billigen Häme - die Modebewussten, die Stil-Fetischisten, die Design-Gläubigen. Es sind dieselben, die im Sommer Socken in Sandalen verteufeln und sich über kurze Männerhosen lustig machen. Am Ehrentag der ausgebeulten Sportbekleidung haben sie ein wohlfeiles Opfer gefunden: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, lästert Karl Lagerfeld. Und ähnlich sieht es die gesamte Zunft. Im Wettbewerb der Geschmacksverirrungen ist die Jogginghose die finale Eskalationsstufe, eine Stoff gewordene Solidaritätsadresse ans Prekariat.

Eine Jogginghose. © NDR Foto: Marcel Lischke

Der internationale Tag der Jogginghose

NDR Info - Auf ein Wort -

Der Jogginghose wird mit einem Internationalen Tag gedacht. Marcel Güsken bricht eine Lanze für die Sportbekleidung und bittet auf ein Wort.

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Pauschalurteile sind hier fehl am Platz

So billig, so empörend: Denn hier werden Angehörige einer gesellschaftlichen Minderheit stigmatisiert, nur weil sie schlabbernden Baumwollstoff bevorzugen. Zugegeben: Die Jogginghose, sie steht tatsächlich für ein gewisses Phlegma ihres Besitzers, manche würden von fauler Bequemlichkeit sprechen, andere von träger Bräsigkeit. Aber: Wer pauschal die Schlabber-Hosen als Loser-Look verdammt, übersieht die zahlreichen Situationen, in denen die Jogginghose geradezu zwingend ist.

Schlabberhose von der Steuer absetzen?

Nehmen wir zum Beispiel an, Sie sind stolzer Besitzer eines neuen T-Shirts: "Bier formte diesen schönen Körper" steht darauf - was würde dazu besser passen als eine Jogginghose? Oder wenn Sie morgens gegen zehn Uhr zum Kiosk schlurfen für ein halbes Mettbrötchen und ein Aufwacher-Pils: Wären Sie im Anzug nicht völlig overdressed? Für eine Anerkennung der Jogginghose als Berufskleidung will sich übrigens jetzt angeblich der VdeK einsetzen - der Verband der erfolglosen Kleinkriminellen. Die Schlabberhose, unverzichtbar für die Branche, wäre dann von der Steuer absetzbar.

Wir machen's uns intellektuell bequem

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Beim Trash-TV-Gucken gehört der Schlabberlook einfach dazu. Einfach zu bequem - auch intellektuell.

Der natürliche Lebensraum der Jogginghose ist aber ohne Zweifel die heimische Couch. Wenn sich die Freunde des Prekariatsfernsehens hier zum abendlichen Dschungelcamp-Gucken versammeln, gehört das Schlabber-Outfit zwingend zum stilistischen Setting. Was uns zu einem Phänomen führt, das - noch wenig erforscht - Experten immer mehr Sorgen bereitet: der "mentalen Jogginghose".

Unter "mentaler Jogginghose" versteht man den Drang, es sich auch intellektuell so bequem wie möglich zu machen: Bloß nicht überfordern, heißt die Devise. Als ungemütlich störend kann dabei schon die Komplexität der Teletubbies gelten. Für den Träger der "mentalen Jogginghose" sind einfache Lösungen angesagt, solche, die am Wohlstandsbauch nicht zwicken - ein Phänomen, das immer mehr um sich greift.

Der Kampf lohnt sich - auch in Jogginghosen

Doch zurück zum Jahrestag. Bei aller Kritik sollte der 21. Januar nicht zum Dumpfbacken-Erinnerungstag werden. Die Jogginghose hat durchaus auch ihre guten Seiten. Recht verstanden, lässt sich ihre Entwicklung auch als Geschichte des Protestes deuten: des trotzigen Widerstands gegen die Diktatur der Mode und die Dominanz des stylisch Korrekten.

Jetzt ist es Zeit für ein paar unbequeme Fragen: Wer kann plausibel erklären, warum Jogginghosen ein No-Go sind, während zum Schaudern hässliche Brillen mit daumendicken Gestellen topmodern und geschmackvoll sein sollen? Warum, um jetzt persönlich zu werden, sollte man ein über zehn Jahre lieb gewonnenes Sakko ausmustern, nur weil es nicht mehr den Trendfarben entspricht? Daran sollte der Jogginghosen-Jahrestag erinnern: dass eine bessere Welt möglich ist, eine Welt ohne Modezeitschriften, eine Welt, in der man ungestraft Socken in Sandalen tragen darf. Und in der auch ein speckiges braun-grünes Sakko noch eine Überlebenschance hat. Dafür lohnte es sich zu kämpfen - notfalls auch in Jogginghosen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 21.01.2019 | 18:25 Uhr