Stand: 19.09.2019 16:54 Uhr

Wenn Gymnasiasten auf Kreuzfahrt gehen

Der Klimawandel sorgt derzeit vollkommen zu recht für viel Aufregung und auch Empörung. Etwa dann, wenn eine Gruppe Gymnasiasten aus Frankfurt zur Studien-Abschlussfahrt mit einem Kreuzfahrtschiff auf der Ostsee unterwegs ist. Den Schülerinnen und Schülern, sonst doch Kämpfer fürs Klima, wird nun Doppelmoral vorgeworfen.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Für mehr Klimaschutz demonstrieren, aber auf einem Kreuzfahrtschiff reisen - passt das zusammen?

Um gleich mal jeglicher Vorfreude zu Spitze zu nehmen: Jetzt kommen weder "Bätschi" noch hämisches Fingerzeigen auf die reiselustige Abiturklasse mit Meerblick. Schon gar nicht von meiner Kohorte. Wir hatten es ja noch einfach, damals auf unseren Demos, als wir dem Schmidt die Leviten gelesen haben wegen seiner Pershing-Nachrüstung. Da war nichts, was uns am nächsten Tag hätte denken lassen: "Naja, bei so vielen Bomben weltweit wird meine kleine Atomrakete für den häuslichen Sicherheitsbedarf doch nicht ins Gewicht fallen." Da ließ sich noch kompromisslos und widerspruchsfrei opponieren.

Ein norwegische Kreuzfahrtschiff. © dpa picture alliance Foto: H.Baesemann

Klassenfahrt mit Klimakrise

NDR Info - Auf ein Wort -

Kann man einer Gruppe Gymnasiasten Doppelmoral vorwerfen, wenn sie als Klassenfahrt eine Reise auf dem Kreuzfahrtschiff macht? Detlev Gröning stellt diese Frage in seiner Glosse.

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Als CO2-averse Teenager heutiger Tage hätten wir uns fragen müssen: "Können wir das bringen? Also in der Talkshow erst mit versteinerter Miene dem Altmaier unsere ökologische Mistlaune über die Platte kübeln und uns am nächsten Tag in die Sonnenliege auf dem Kreuzfahrtdampfer werfen? Das könnte auf unserer nächsten Freitags-Demo widersprüchlich wirken."

Um die lustige Seefahrt dennoch nicht gegen eine klimaneutrale Fahrradtour nach Wanne-Eickel austauschen zu müssen, wurde die Sonnenliege einer Programmänderung geopfert: Man werde nunmehr und stattdessen einen Schiffsoffizier auf hoher See in einen sehr ungemütlichen Diskurs über die klimatischen Kollateralschäden dieser Reise verwickeln. Das hat dann zwar auch was von Studienfahrt und Sachunterricht, aber eben noch mehr von Keuschheitsdebatte im Lolita-Club.

Auch Mathe und Chemie kommen vor der Reise nicht zu kurz. So hatte die begleitende Lehrkraft für die Verbrennung von extrem schwefelarmem Diesel - oder wie man in der Oberstufe sagt: maximal desulfurierten Mitteldestillatfraktionen - für besagte Kreuzfahrt einen Pro-Kopf-Ausstoß von 600 Kilogramm CO2 auf der Tafel. Klimaneutralität erreicht ein Erdenbürger derzeit bei 1.600 Kilogramm, sodass man nach der Schiffstour sagen kann: Mit etwas Flachatmung über den Rest des Jahres ist das noch zu schaffen.

"Jetzt aber genug gespöttelt", höre ich die Fridays-for-Future-Kids. "Bist Du nicht gegen Brokdorf gezogen, damals, als Windkraft keine Rolle spielte und Solartechnik weder erschwinglich noch marktreif war? Womit wolltest Du denn in Zukunft Deine Steckdosen füttern? Tatsächlich hast Du für die Kohleverstromung demonstriert - wofür denn sonst?"

"Da ist was dran", muss ich zugeben, "aber das muss unter uns bleiben. Angebot zur Güte: Ihr lasst mir meine Abneigung gegen Atomkraftwerke und amüsiert Euch noch mal, bevor Ihr meine Kohlen aus dem Feuer holt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 19.09.2019 | 18:25 Uhr