Stand: 16.09.2019 16:00 Uhr

Niemand ist neutral vor dem Hamburger Stadtderby

Fußball bringt Menschen zusammen, kann aber auch eine ganze Stadt spalten. Spüren und vor allem sehen kann man es gerade in Hamburg, denn es ist Derby-Zeit. Am Montagabend empfängt Zweitligist FC St. Pauli den HSV.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

Bild vergrößern
Beim letzten Derby im März 2019 jubelte der HSV: Im Stadion von St. Pauli gelang ein 4:0-Sieg.

Auf welcher Seite stehst Du? So direkt fragt in der Regel keiner kurz vor einem großen und bedeutungsschweren Fußball-Derby wie dem heute des HSV gegen den FC St. Pauli. Aber keine Meinung zu haben, sich nicht zu positionieren, das geht auch nicht. Auf gar keinen Fall.

Wenn der großen Fußball-Begeisterung bisher vollkommen unverdächtige Menschen plötzlich mit braun-weißem Schal mit Totenkopf oder blau-weißem Schal mit Raute zum Einkaufen gehen und das alle vollkommen normal finden, dann ist Derby-Zeit. In diesem Fall in Hamburg – aber im Ruhrpott etwa gibt es dafür auch hervorragende Beispiele. Oder in Niedersachsen. Wolfsburg, Hannover und Braunschweig – falls man sich irgendwann mal wieder in einer Liga einfindet.

Die Außenlinie eines Fußballplatzes. © NDR Foto: Samir Chawki

Niemand ist neutral

NDR Info -

Ein Fußball-Derby wie das zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli ist mehr als nur Sport. Niemand kann neutral sein, meint Udo Schmidt und bittet auf ein Wort.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Ein Thema, das die ganze Stadt bewegt

Wenn die sonst eher Bingo-spielende Nachbarin eine Fußballflagge – braun-Weiß – in ihren Balkon-Blumenkasten steckt, wenn unschuldige Kinder auf innerstädtischen Spielplätzen mit kleinen Aufklebern auf den Wangen signalisieren, warum sie am Abend mal wieder von ihren Eltern alleine gelassen werden und eine noch unvertraute Babysittern das Kommando übernehmen wird – eine gerade erst zugezogene, andere bekommt man an diesem Abend nicht, und auch dann nur für viel Geld – und wenn lange vor Sonnenuntergang grundsolide Büroangestellte mit Bierflasche in der Hand vor dem Stadion herumlungern, als würde dort gleich die kostenlose Tagessuppe ausgegeben – dann  ist Derbyzeit.

Und Neutralität wird zur Schwäche. Es ist ja auch zu schön, endlich einmal in unserer trotz aller populistischer Versuche grundsätzlich liberalen, vielleicht sogar egalitären Gesellschaft Flagge zu zeigen – buchstäblich – und eine Position zu beziehen, zu einer Gruppe zu gehören ohne Wenn und Aber und den sportlichen Gegner für wenige Stunden zum Feind, zum Feindbild zu erklären. Wann und wo darf man das noch – einen richtigen Feind haben und angreifen.

Wenn nicht jetzt, wann dann

Tagsüber äußerst schlecht angezogen und Alkohol konsumierend am Straßenrand zu stehen und sich vollkommen akzeptiert zu fühlen – das geht sonst nur noch im Karneval. Und dafür müssen die Hamburger zumindest immer lange Wege auf sich nehmen.

Klar, schön, dass beide Vereine, also der HSV und der FC St. Pauli gerade Fleißpunkte in fairem Verhalten sammeln, nicht übereinander herziehen, sich irgendwie sogar liebhaben und ziemlich beste Freunde zu sein vorgeben – schön, weil zu viel Feindbild nicht gut-, häufig sogar wehtut und zehn Spielunterbrechungen wegen des Abbrennens von Bengalos dann doch den Fußball, den Sport zu deutlich in den Hintergrund rücken lassen – schön das alles und sinnvoll.

Fußball - das gesellschaftlich akzeptierte Ventil

Aber einmal nicht neutral und vernünftig, einmal deutlich positioniert, voreingenommen, sogar ungerecht sein zu können, fast zu müssen - hin und wieder ist das viel wert.

Wer einmal im Stadion wegen wirklich unfassbarer Fehlentscheidungen dem Schiedsrichter nicht Zitierfähiges zugebrüllt hat und dann doch ziemlich erschrocken war – über die eigene Haltung, der oder auch die weiß, wovon ich rede.

Irgendwie steckt es ja doch drin – und muss raus.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 16.09.2019 | 18:25 Uhr