Stand: 22.03.2019 14:32 Uhr

Glosse: Die tollkühnen Passagiere von Flug Null-Eins

Vor genau einhundert Jahren startete der erste internationale Linienflug, damals von Paris nach Brüssel. An Bord zwölf tollkühne Passagiere. Fliegen war ein großes Erlebnis. Das ist es heute immer noch. Aber irgendwie anders.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Keine besonderen Vorkommnisse an Bord meiner Delta Boeing. Der Kampf um die Gepäckfächer wogt, hinter mir wird ein schreiender Maxi-Cosi vergurtet, und gleich kommen die Sicherheitshinweise, nach denen ich mir dank beleuchteter Schwimmweste keine unnötigen Sorgen machen muss, wenn wir statt in Atlanta im Atlantik landen. Die allgemeine Flugangst der Gründerzeit ist einem Moment kopfschüttelnder Heiterkeit gewichen.

Flugzeug über den Wolken © Ilja Masik / Fotolia.com Foto: Ilja Masik

Tollkühne Passagiere

NDR Info - Auf ein Wort -

Früher war Fliegen noch ein großes Erlebnis. Und das ist es heute zum Teil auch noch, meint Detlev Gröning und bittet auf ein Wort.

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Vor 100 Jahren, also einem menschheitsgeschichtlichen Wimpernschlag, saßen an gleicher Stelle meine Urahnen und hatten vorsichtshalber mit allem abgeschlossen. Die Testamente lagen unterschrieben auf dem Stubentisch, am Rollfeld gab es Abschiedsküsse in Spielfilmlänge und dann ging es mit dem Pulsschlag eines Feldhamsters über eine Haushalts-Trittleiter ins Abenteuer Linienflug.

Während die innere Anspannung mittlerweile darauf gerichtet ist, ob ausgerechnet heute Kabinencrew, Piloten, Bodenpersonal oder gleich alle miteinander in den Streik treten, mussten sich die Pioniere des Luftpassagierwesens damals gefühlt haben wie wir vor dem Flug im Eurofighter, einer Kreuzfahrt im U-Boot oder beim Countdown als Weltraumtouristen.

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Zum Glück bleibt Fliegen heutzutage immer noch ein wenig Abenteuer.

Da gibt es kein "Fahr mal rechts ran - ich geh doch lieber zu Fuß oder nehm den Bus." Wenn's erstmal losgegangen ist, gab's schon zu Opa's Zeiten kein Zurück mehr: Vorne die tollkühnen Männer in ihrer fliegenden Kiste - dahinter wurden Tapferkeit und Gottvertrauen mit Champagner und Sandwich belohnt, was darauf hindeutet, dass zunächst mal die Business-Class erfunden wurde.

Dort saß jene Generation 1.0, die sich was getraut hat, schon immer, egal ob es darum ging, als erste von den Bäumen zu klettern, in eine Mondkapsel zu steigen oder 1914 zum weltweit ersten Linienflug in den offenen Doppeldecker von St. Petersburg nach Tampa.

Diese Pioniergattung würde auch in autonom fliegende Wasserstoffjets einchecken, ohne die beruhigende Gewissheit zu haben, dass im Cockpit einer sitzt, der daheim unversehrt zum Essen erwartet wird.

Sie sind die Minenhunde des Fortschritts, deren Überleben wir anderen erstmal abwarten. Erst danach folgten wir ihnen in die erste elektrifizierte Straßenbahn mit Fenstervorhängen, die man zuziehen konnte, um 34 km/h ohne Nervenzusammenbruch durchzustehen.

Auch jetzt kommt immer noch ein leises Kribbeln auf. Welcher Bordfilm steht auf dem Programm, werd ich mich wieder beim Essen bekleckern, und steuert der keuchende Doppelzentner im Gang womöglich meinen Nachbarsitz an? Ein bisschen Spannung ist der Luftfahrt erhalten geblieben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.03.2019 | 18:25 Uhr