Stand: 15.03.2019 14:40 Uhr

Der Profi-Spielverderber

Aldi in Großbritannien wirbt auf eine neue und durchaus umstrittene Art um Kunden. Der Discounter bietet Eltern, die sich über die Spielsucht ihrer Kinder ärgern, an, einen Profi-Spieler auf den Nachwuchs zu "hetzen". Er soll den Kleinen die Spielbegeisterung austreiben. Ob das klappt?

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Gegen Profis spielen und verlieren: Ob das den Spieltrieb bei Jugendlichen lindert?

"Bah, wat habt Ihr für 'ne fiese Charakter", würde das Dampfmaschinen-Publikum aus der Feuerzangenbowle unserem größten Lebensmittel-Discounter attestieren. Geht das neue Geschäftsmodell der Albrecht-Dynastie auf, dann könnte bei der Jugend im Vereinigten Königreich alsbald ein ganz eigener, harter Brexit ausbrechen. Nämlich jener aus der globalen Computerspiel-Szene.

Der frustrierte Austritt aus der daddelnden Community hat allerdings einen anderen Namen: "Teatime-Takedown" heißt die britische Aldi-Strategie, die den klickenden Nachwuchs mit dem Tunnelblick auf den Monitor den Joystick entnervt in die Ecke feuern lassen soll. Und dies pünktlich zum Essen, wenn die Produkte des eigenen Hauses zum Verzehr bereitstehen.

Fachbesucher testen auf der Spielemesse Gamescom in Köln ein Autorenn-Computerspiel. © dpa Bildfunk Foto: Marcel Kusch

Konkurrenz fürs Geballer im Jugendzimmer?

NDR Info - Auf ein Wort -

Dank professioneller Spielverderber könnten computerspiel-affine Jugendliche wieder pünktlich beim Essen sitzen. Detlev Gröning spinnt die Idee in seiner Glosse noch weiter.

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Die Idee dahinter: Spätestens nach der fünften Klatsche gegen einen als Dorfclub getarnten FC Liverpool wird sich die zweite Herrenmannschaft von TUS Heringsmoor nach einem anderen Freizeithobby umsehen. Beim Computerspiel entfällt dabei sogar das aufwendige Schminken und Kostümieren des übermächtigen Gegners.

In einem gar nicht mal so unlustigen Werbespot wird gezeigt, wie es gehen soll. Zunächst die übliche Szenerie, wie sie sich jeden Tag millionenfach abspielt: Wie immer wartet die Familie am gedeckten Mittagstisch auf den PC-affinen Teenager, der sich den Weg zur Mahlzeit nur noch schnell durch drei Häuserblocks frei schießen muss. Viele Haushalte kennen diese Gefechtslage aus eigener leidvoller Erfahrung.

Um das virtuelle Kriegsgeschehen nun abzukürzen, hat die Mutti - vermutlich zum Schnäppchenpreis - einen digitalen Profi-Killer engagiert, der Sohnemanns Armee aus einem abgedunkelten japanischen Hochhauskeller heraus komplett aufreibt, bevor der Plumpudding aushärtet oder Fleischgerichte zu neuem Leben erwachen.

Um das trostlose Geballer im Jugendzimmer umfassend zu beenden, gibt's den unsichtbaren Gegner vielleicht sogar im Abo, um dem Nachwuchs ein aussichtsloses Unterfangen nahezulegen, auf dass der sich irgendwann hoffnungsbefreit vom Bildschirm abwendet - wie andere von Mathe-Unterricht, Schachspiel oder Aktienhandel.

Jetzt schon lässt sich ahnen, wie der Gegenschlag von Netto, Rewe oder Lidl aussehen könnte. Diesmal besteht die Gegenseite aus gedungenen Versagern, professionellen Losern, die selbst gegen blutige Anfänger kein Bein auf den Boden bekommen. Denn fast noch schlimmer als die stetige Niederlage ist ständiges Siegen, so wie damals beim Brettspiel mit meiner Großmutter um die Süßigkeit auf dem Zielfeld.

Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals die Omi am Ende den Drops gelutscht hat. Eine Anti-Spiel-Strategie, die eine belastbare Evaluation hervorgebracht hat: Schon nach wenigen Wochen hatte es sich endgültig ausgewürfelt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 15.03.2019 | 18:25 Uhr