Stand: 11.09.2019 13:42 Uhr

Der hippe Hörgerät

von Udo Schmidt

Die digitale Welt entwickelt sich rasant. Mit der Folge, dass Hörgeräte nicht mehr nur als banale Hörhilfe eingesetzt werden. Die neuesten Geräte, gerade auf der IFA in Berlin vorgestellt, spielen Musik oder kommen als eine Art Navi im Ohr daher.

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Hörgeräte werden immer moderner.

Wir vom Radio finden Hören ja ziemlich wichtig. Schließlich sind wir das Ohr zur Welt. Ob meine Tante Tilly - ja, so hieß sie wirklich - viel Radio gehört hat, weiß ich nicht. Da wir jetzt kurz mal von den 60er-Jahren reden, spricht aber einiges dafür, dass bei Tante Tilly, Opas Schwester, irgendwo in der Wohnung ein großes Röhrengerät mit dem magnetischen Auge nahezu den ganzen Tag über lief.

Kommunikation mit Kreischen

Ganz eindeutig aber war damals, dass Tilly besser hören wollte. Die Tante war der erste Mensch in meinem noch jungen Leben, bei dem ich mit einem Hörgerät in Berührung kam. Und zwar, indem ich mich zu Tode erschreckte. Die sowieso schon ehrfurchtgebietende Tante nämlich legte bei Besuchen einen silbernen Kasten auf den Wohnzimmertisch, der durch ein immer leicht verknäueltes Kabel mit ihrem Ohr verbunden war - mit dem Gerät an ihrem Ohr.

Wenn Tilly am Gespräch teilnehmen wollte, dann schaltete sie die Hörhilfe an. Und nach einem kurzen Moment piepte und kreischte es martialisch. Das Gerät lief, Tante Tilly nahm an der Kommunikation teil und die Hörgeräte-Industrie hatte mit dem Kreischen mehr oder wenige neue Kunden angeworben.

Ein Mann und eine Frau halten sich die Hände zum Hören an die Ohren © NDR Foto: Sven Glagow

Das Navi im Ohr

NDR Info - Auf ein Wort -

Die neuesten Hörgeräte, gerade auf der IFA in Berlin vorgestellt, spielen Musik oder kommen als eine Art Navi im Ohr daher. Hörgeräte werden cool, meint Udo Schmidt in der Glosse.

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Als ich ein kleiner Junge war

Ich als kleiner Junge hatte damals ganz und gar nicht das Gefühl, dass ich einmal, wenn ich groß bin, auch mal ein Hörgerät haben möchte. So wie ich unbedingt als Bauarbeiter auf einem Gerüst stehen wollte. Später, nachdem mir meine Eltern durch strikte Erziehung den Wert von Bildung nahe gebracht hatten, wechselte ich gedanklich an den Zeichentisch eines Architekten - nichts gegen Bauarbeiter übrigens.

Oder wie ich unbedingt eine Mofa besitzen wollte, die ich dann mit 15 kaufen konnte, die recht langsam fuhr, dafür aber viel qualmte. Aus dem Auspuff, den, wie ich einmal aus seinem Mund vernahm, Friedrich Merz in jungen, außerordentlich wilden Jahren an seinem Moped abmontiert hatte. Wilder Kerl, dieser Merz, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Mit Hörhilfe mehr Schwung im Leben

Zurück zum - genau - Hörgerät. Inzwischen gibt es Menschen in meinem näheren Umfeld, die behaupten, eine Hörhilfe würde meinem Leben noch mehr Schwung verleihen. Falls ich den wollen würde. Also, ich trage Brille, jedenfalls zum Lesen, musste kürzlich krankheitsbedingt an einer Art Stock gehen, alles in Ordnung - aber ein Hörgerät? Da sträubt sich einiges, und da, so viel weiß ich aus gebrüllten Gesprächen mit gleichaltrigen Freunden, stehe ich nicht alleine da.

Jetzt aber habe ich den Eindruck, ich sollte mich beeilen. Bevor diese coolen, hippen Teile, die gerade auf den Markt drängen, weggekauft sind. Die neuesten Hörgeräte nämlich holen sich Musik aus dem Internet, übersetzen fremde Sprachen und als Navi sind sie auch brauchbar. Nach 75 Metern biegen sie bitte rechts ab, weichen den am Rande des Bürgersteigs stehenden E-Scootern aus - aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte -, dann kommt das Ziel auf der linken Seite, flüstert eine sanfte Stimme in meinen Gehörgang. Ich werde Spaziergänge lieben.

Ich habe jetzt ein Navi im Ohr, das klingt schon verdammt cool. Ach ja, Radio kann man damit natürlich auch hören. Wenn das Tante Tilly erlebt hätte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.09.2019 | 18:25 Uhr