Stand: 18.04.2019 10:45 Uhr

Stau oder Ärztemangel? Sorry, mein Fehler!

Erderwärmung, Massentierhaltung, Verkehrskollaps und Mietenwahnsinn: Es gibt derzeit so viele große Probleme, die es eigentlich anzupacken gilt und bei denen sich irgendwie doch nichts wirklich ändert. Warum eigentlich?

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Die Welt dreht sich um ... mich! Darum bin ich auch für alles - irgendwie - verantwortlich, meint Peter Stein in seiner Glosse.

Einer ist immer der Depp. Und der bin ich. Ich - der Verbraucher. Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin schuld. Ich bin das Alpha und das Omega allen Übels. Und wenn ich mal nicht schuld bin, dann bin ich wenigstens dafür verantwortlich. Ich entscheide durch mein Verhalten - und zwar alles.

Landärztemangel? Sorry, mein Fehler

Wenn ich in die Stadt ziehe, bin ich dafür verantwortlich, dass die ländliche Region ausblutet, dass dort Häuser leer stehen. Verantwortlich für den Landärztemangel, in dessen Folge ältere Menschen nicht mehr medizinisch versorgt werden können und jämmerlich sterben, während die Jüngeren keine Perspektive mehr für sich auf dem Land sehen und völlig verzweifelt rechtem Gedankengut verfallen.

Parkplatznot, Klimawandel - alles Folgen meines Handelns

In der Stadt sorge ich durch meinen Zuzug für eine Verknappung des Wohnraums und damit für steigende Mieten, trage damit zur Verdrängung einkommensschwächerer Menschen bei und - Achtung Reizwort - zur Gentrifizierung. Ach ja - und ich als Verbraucher muss mich ja auch in der Stadt ein bisschen bewegen. Tue ich das mit dem Auto, bin ich für miese Feinstaubwerte, Fahrverbote, Parkplatznot, Staus, den Verkehrskollaps, die marode Infrastruktur und den Klimawandel im Allgemeinen verantwortlich, ganz zu schweigen von der Misere des öffentlichen Nahverkehrs, der wegen mir und meinem Verhalten die Ticketpreise erhöhen muss, weshalb wiederum andere Verbraucher-Artgenossen gezwungen sind, auf das Auto umzusteigen.

Karten beschriftet mit Fragezeichen hängen mit Wäscheklammern befestigt an einer Leine. © Fotolia.com Foto: christianchan

Der Verbraucher ist immer schuld

NDR Info - Auf ein Wort -

Es gibt viele Probleme, aber niemanden, der sie anpackt. Die Folge: Es ändert sich nichts. Und wer ist schuld? Natürlich die Verbraucher. Peter Stein ärgert sich in seiner Glosse.

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Egal welche Entscheidung, es ist die falsche

Nutze ich aber den Nahverkehr oder gar das Fahrrad, stürze ich die Autoindustrie in eine tiefe Krise, die sie natürlich nur durch einen einzigen Schritt überstehen kann: nämlich den Abbau von Arbeitsplätzen - und das mündet in Armut, Bildungsnotstand und Kriminalität. Das muss natürlich um jeden Preis verhindert werden. Deshalb muss der Staat die Autoindustrie natürlich finanziell unterstützen. Mit Steuergeld, das dann aber leider fehlt, um die von mir Verbraucher ebenfalls verursachten Probleme im ländlichen Raum anzugehen.

So bin ich eben, ich Verbraucher

Kurzum: Die Welt ist wie sie ist, weil ich als Verbraucher es genauso möchte: Ich will unbedingt, dass das Grundwasser nitratbelastet ist, dass in den Meeren mehr Plastikpommesgabeln rumschwimmen als Fische, und dass sich Investoren mit völlig überteuerten Mieten die Taschen voll machen. Ich Verbraucher will, dass unzählige Küken geschreddert werden, damit ich meine Ostereier kriege, natürlich am liebsten von Hühnern, die in völlig verdreckten Legebatterien zusammengepfercht sind. So bin ich eben, ich Verbraucher.

Ginge es nach der Politik oder der Wirtschaft, sähe die Welt natürlich ganz anders aus. Aber die beiden sind ja für nichts verantwortlich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 18.04.2019 | 18:25 Uhr