Stand: 06.12.2018 14:33 Uhr

Gipfel über Gipfel - und kein Ende in Sicht

Was haben Diesel, Klima, G20 oder auch Digitales gemeinsam? Ihnen allen ist oder war gerade eben erst ein Gipfel vergönnt. Ein Spitzentreffen jagt also zurzeit das nächste. Muss das denn sein?

Eine Glosse von Albrecht Breitschuh, NDR 2

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Gipfeltreffen haben eines gemeinsam: Ganz oft sind die dort erzielten Ergebnisse wirklich der Gipfel ...

Möglicherweise erleben wir gegen Ende des Jahres noch Historisches: nämlich, dass die Wochenbilanz der Polit- und sonstigen Gipfel die Anzahl der Tatort-Wiederholungen im Fernsehen übertrifft - oder die TV-Dokumentationen mit Hitler-Bezug. In diesem Segment ist derzeit sowieso Flaute: In der Adventszeit scheint der Führer nur schwer vermittelbar zu sein.

Auf ZDF Info entfielen vor ein paar Tagen sogar die mit Spannung erwarteten Dokus "Projekt Natter - Hitlers Wunderwaffe", "Hitlers Angriff aus dem All - Das Geheimnis der V2" und - besonders schmerzlich - "Hitler privat - Das Leben des Diktators." Auch die Suche nach "Hitlers Atombombe" wurde ergebnislos abgebrochen.

Kräfte sammeln für 2019

Angela Merkel (CDU) und Donald Trump sitzen im Tagungszentrum des G20-Gipfeltreffens. © dpa-Bildfunk Foto: Ralf Hirschberger

Hilfe, wir haben eine Gipfel-Inflation!

NDR Info - Auf ein Wort -

Dieselgipfel, Klimagipfel, G20-Gipfel: Spitzentreffen mit "Chefvisite" scheinen im Moment richtig in Mode zu sein. Albrecht Breitschuh bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Kleiner Trost für alle, die ihre Fernsehgewohnheiten so überaus spontan ändern mussten: aufgehoben ist in diesem Fall wirklich nur aufgeschoben. 2019 steht uns ein Gedenkjahr der Extraklasse bevor. Da müssen wir alle ausgeruht und extrem fokussiert sein, also: Kräfte sammeln!

Und jetzt soll es ja außerdem um Gipfel gehen. Der Wochenauftakt war schon mal verheißungsvoll: Noch vom G20-Gipfel in Buenos Aires schickte die Kanzlerin jeweils eine Botschaft zum Klimagipfel in Kattowitz, dem Digitalgipfel in Nürnberg und dem Dieselgipfel in Berlin, die uns allesamt am Montag fesselten.

Am Donnerstagabend das Treffen der EU-Finanzminister, dem wir - mit ein bisschen gutem Willen - auch Gipfelqualitäten bescheinigen können. Und während die Nachtsitzung in Brüssel kein Ende zu nehmen schien, machten sich die Chefs von VW, BMW und Daimler schon auf den Weg nach Washington: zum Autogipfel im Weißen Haus.

Aufbruchstimmung ist garantiert

Eher regional, aber mit Sicherheit hochkarätig besetzt und allzeit lösungsorientiert weckte auch der Breitbandgipfel in Osterholz-Scharmbeck unser Interesse - mit dem absolut gipfelwürdigen Motto "Aufbruch in die Gigabitgesellschaft".

Und - fragen wird man ja noch mal dürfen - welche Stadt eignet sich für solche Datenmengen besser als eben Osterholz-Scharmbeck? Überhaupt, diese Aufbruchstimmung, die auf Gipfeln immer erzeugt wird. Es muss am Personal liegen. Da treffen alle zusammen: Experten, Entscheider und vor allem Entertainer. Die Show darf nämlich auch nicht zu kurz kommen, sonst funktioniert der ganze Gipfelzauber nicht.

Wie wäre es mit Gipfel-Tourismus?

Wichtig ist die Dramaturgie: Vorher wird vor überzogenen Erwartungen an den Gipfel gewarnt, mittendrin droht er zu platzen, und am Ende wird das Problem auf Folgekonferenzen vertagt, verbunden mit der Feststellung: Mehr war auch nicht zu erwarten.

Gibt es eigentlich Reiseunternehmen, die sich auf Gipfel-Tourismus spezialisieren? Bei denen man das Dreier-Paket aus Spenden-, Klima- und Migrationsgipfel buchen kann? "Sie wohnen in den besten Hotels, nah dran an den Mächtigen dieser Welt. Treffen Sie in den frühen Morgenstunden erschöpfte Gipfelteilnehmer an der Hotelbar zu einem zwanglosen "Meet and Greet". Lassen Sie sich von der unvergleichlichen Atmosphäre zäher Nachtsitzungen verzaubern und warten Sie zusammen mit übermüdeten Journalisten auf den erhofften Durchbruch, der vermutlich aber ausbleiben wird."

Das wäre eine ganz krisenfeste Geschäftsidee, denn das irgendwann einmal über allen Gipfeln Ruh' ist - um zum Schluss auch noch mal ein bisschen mit Goethe zu kalauern - steht kaum zu befürchten. Weder in New York, noch in Kattowitz und schon gar nicht in Osterholz-Scharmbeck.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 06.12.2018 | 18:25 Uhr