Stand: 09.11.2017 13:51 Uhr

Espresso aus dem Pappbecher? Nein, danke!

Italien ist das Land des Kaffee-Genusses. Der Espresso morgens in der Bar genossen, das ist italienische Lebenskultur. Nun aber streitet ganz Italien über den "Espresso to go". Kaffee aus dem Pappbecher? Das grenzt an Majestätsbeleidigung.

Eine Glosse von Jan-Christoph Kitzler, Hörfunk-Korrespondent in Rom

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So wird Kaffee serviert - und nicht im Pappbecher!

Wer Italien und die Italiener verstehen will, für den führt kein Weg an der Frage vorbei, welches Verhältnis man hierzulande zum Caffé hat. Wer in Italien eine Bar betritt und "un caffé" sagt, der bekommt nicht etwa die aufgebrühte Plörre, die nördlich der Alpen immer noch literweise getrunken wird, sondern - in einer sanft vorgewärmten, dickwandigen Porzellantasse - eine fast sämig-cremige Flüssigkeit, nicht mehr als auf einen großen Esslöffel passt, die einen für ein paar Stunden bei Laune hält.

Mit dem Barista sollte man es sich nicht verscherzen

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Caffé gehört nicht in den Becher!

NDR Info - Auf ein Wort -

Pappbecher statt Tasse? Wenn ausgerechnet in Italien ein Streit über Kaffee entbrennt, ist das kein gutes Zeichen. Jan-Christoph Kitzler bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Die Herren und Damen, die hinter dem Tresen stehen, und aus großen blankgeputzten Chrom-Ungetümen den Caffé extrahieren, gehen mit dem gebotenen Ernst und professioneller Eleganz zu Sache.

Barista ist ein überaus ehrbarer Beruf in Italien. Und jeder tut gut daran, sich mit seinem Barista gut zu stellen. Denn in der Regel trifft man ihn, oder seltener sie, nämlich mehrmals am Tag.

Ein guter Caffé ist fast schon ein Menschenrecht

Am Caffé zeigt sich, welch wunderbare Bedeutung Italiener den kleinen, scheinbar überflüssigen Dingen geben können. So sind in jedem Dorf und in jeder Stadt die Bars sozialer Treffpunkt. Hier kann man erwachsenen Menschen dabei zu sehen, wie sie miteinander fast in Streit geraten über die Frage, wer wem den Caffé für 80 Cent bezahlen darf.

In Neapel gibt es den schönen Brauch des "Caffé sospeso", das heißt, man zahlt einen Caffé mehr als man trinkt, und der ist dann für einen, der sich die 80 Cent sonst nicht leisten kann. Ein guter Caffé ist in Italien nämlich fast ein Menschenrecht.

Kleine und größere Marotten

Und natürlich schaffen es viele Italiener auch, selbst bei diesem unspektakulären Getränk ihre kleinen und größeren Marotten zu pflegen. Es gibt Menschen, die darauf schwören, ihren Caffé aus einem kleinen Glas und nicht aus der Tasse zu trinken. Manche wollen ihn "extra-bollente", also superheiß, andere "molto ristretto", sehr konzentriert.

Es gibt Menschen, die trinken ihren Caffé macchiato, also mit Milchschaum befleckt, aber bitte nur mit lauwarmer Milch. Der "Caffé corretto", also der durch einen Schuss Alkohol gleichsam korrigierte Caffé, ist hingegen vor allem eine Spezialität im Norden Italiens.

Man ahnt schon, warum es Cafféhausketten, wie zum Beispiel der Weltkonzern Starbucks, so schwer haben, in Italien wirtschaftlichen Boden unter die Füße zu bekommen.

Kaffee auf der Straße trinken?

Eine Meldung hat uns dieser Tage jedoch erschreckt: Angeblich hat der Caffé zum Mitnehmen, neudeutsch: "to go", auch in Italien eine gewisse Konjunktur. Statt kurz zu verweilen und dann den begehrten Platz in der Bar dem nächsten frei zu machen, wollen offenbar immer mehr Kunden ihren Caffé in einem kleinen, kalten Plastikbecher mit auf die Straße nehmen. Und ihn dort trinken.

Nachsicht mit den Touristen

Ist es so weit schon gekommen? Opfern immer mehr Italiener ihr Caffé-Ritual einem Wegwerf-Plastik-Moment "to go"? Dann steht es schlimmer um Italien, als wir bisher gedacht hatten.

Die einzige Hoffnung ist, dass der Caffé "to go" vor allem ein Phänomen ist, das von Touristen gepflegt wird. Denen sehen die Italiener auch hier in Rom so manche Geschmacksverirrung nach - und streiten sich lieber weiter darum, wer wem den "Caffé" bezahlen darf. Ganz im Ernst.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 09.11.2017 | 18:25 Uhr