Stand: 05.07.2018 14:15 Uhr

Enthemmter Streit auf der Straße

Autofahrer und Radfahrer kommen sich auf den Straßen des Nordens häufig in die Quere. Freundlich geht es dabei selten zu. Inzwischen kann man schon fast von einer "Kampfzone Innenstadt" sprechen.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

Bild vergrößern
Die Streitigkeiten zwischen Rad- und Autofahrer nehmen oft bizarre Züge an.

Morgens bei Sonnenschein unweit des Funkhauses in Hamburg. Ich bin mit dem Rad unterwegs, vor mir noch ein Radler, mit einem dieser schönen alten Rennräder mit den silbernen Schalthebeln noch unten direkt am Rahmen. Ein fahrendes Stück Zweirad-Geschichte. Uns überholt ein SUV, groß, breit, im Grunde sinnlos, da wir nicht nach fünf im Urwald, sondern vor acht auf Asphalt unterwegs sind. Der Geländewagen, der sicher noch nie Gelände gesehen hat, überholt uns knapp, sehr knapp, und schert dann sofort nach rechts ein. Mit dem Rad vorbeifahren ist vollkommen unmöglich. Der Weg ist verbaut - Zufall kann das nicht sein.

Der junge Mann mit dem Rennrad-Schmuckstück vor mir stürzt sofort auf die Seitenscheibe des Autos zu, brüllt, trommelt gegen die Tür und benimmt sich irgendwie vollkommen enthemmt - entgrenzt. Ein bisschen ist es jetzt doch wie in der Wildnis, denke ich kurz. Dann pöbelt der SUV-Pilot zurück. Man kennt sich offenbar - und schätzt sich wenig.

Eine Stausituation mit Radfahrer auf einer mehrspurigen Straße. © fotolia.com Foto: Kara

Kampfzone Innenstadt

NDR Info - Auf ein Wort -

Autofahrer und Radfahrer kommen sich auf den Straßen des Nordens häufig in die Quere. Freundlich geht es dabei selten zu. Udo Schmidt bittet auf ein Wort.

1,75 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Verkehrserziehung wie beim "7. Sinn"

Würde es doch den "7. Sinn" noch geben. Dann hätte diese Szene jetzt, in Schwarz-Weiß natürlich und mit sonorer Stimme übersprochen, allergrößten pädagogischen Wert. Verkehrserziehung ähnlich der aus den 70er-Jahren, die uns lehrte, dass Frauen nicht einparken können und falls sie es doch geschafft haben sollten, dann mit großer Sicherheit die Tür genau dann öffnen, wenn ein Radfahrer vorbeikommt. Radfahrer! Die damals noch die Opfer waren - von Frauen am Steuer. Inzwischen sind sie zwar immer noch Opfer. Manchmal. Aber eben auch Täter.

Ich bin ja so ein krankhaft harmoniesüchtiger Mensch. Ich also beim Streit dazwischen, dem Fahrer erklärt, dass er sich wirklich schlimm verhalten habe, sehr gefährlich sogar - zustimmendes Grunzen des Rennradlers - dann aber gewagt zu äußern, dass ich diesen Fahrer eigentlich auch verstehen kann, weil Radfahrer mittlerweile regelmäßig eine Kampflinie fahren, die nur selten mit den aktuellen Verkehrsregeln in Einklang zu bringen ist. Entsetzter Blick meines Fahrrad-Kumpels. Du kannst den verstehen? Wo kommst du denn her?

Weitere Informationen

Wie können Radfahrer gefahrlos radeln?

Ob die Verkehrswende gelingt, hängt auch davon ab, mehr Menschen fürs Radfahren zu begeistern. Doch der Platz auf den Straßen ist begrenzt - der Weg zur Fahrradstadt weit. mehr

Immer eine Frage des Blickwinkels

Also bitte ich den Fahrer, sich zu entschuldigen. Was dieser zu meiner nicht geringen Überraschung sofort tut. Ein Duell der beiden scheint trotzdem schwer zu verhindern zu sein - auch wenn auf der Rückbank des SUV Grundschulkinder erschreckt das Gepöbel verfolgen. Erschreckt, aber sicher, Papa hat schließlich das größte - Auto.

Ich fahre weiter, während hinter mir noch fleißig Reibungswärme erzeugt wird. Am Ende ist es eben wie immer eine Frage des Blickwinkels. Auf dem Fahrrad sitzend, sind die Autofahrer die Pest der Straße. Am Steuer des Autos wird der Radfahrer zur Cholera an der Pedale. "Kampfzone Innenstadt" - wenn es nur den "7. Sinn" noch gäbe.

Weitere Informationen

Entspannt ans Ziel: Die "Anti-Stau-Therapie"

Zu Beginn der Schulferien kommt es wieder auf vielen Autobahnen zu Staus. Wie können Reisende Engpässe vermeiden und was sollten sie tun, wenn sie im Stau festsitzen? mehr

02:38
extra 3

Krieg auf deutschen Straßen

extra 3

Autofahrer sind die stärksten Verkehrsteilnehmer. Und die Stärksten der Starken sind die Lkw-Fahrer. Wie soll man denn von da oben aus auch einen Radfahrer ernst nehmen? Der ist ja viel zu unscheinbar. Video (02:38 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 05.07.2018 | 18:25 Uhr