Stand: 18.01.2019 16:41 Uhr

Ein stilvoller Rückzug sieht anders aus

Nun wird Horst Seehofer offiziell als CSU-Parteichef abgelöst. Nach langem Gezerre zwischen ihm und seinem Nachfolger Markus Söder. Ein stilvoller Rückzug Seehofers wird das nicht. Schlechter kann man einen politischen Abgang kaum inszenieren.

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Kein großes Kino: Der Rücktritt von Horst Seehofer als CSU-Vorsitzender.

Tschüss, bis neulich, das war's. Vielleicht noch eine knappe Verbeugung vor dem Publikum und dann mit raschen Schritten von der Bühne: Kann denn das so schwer sein? In der deutschen Politik jedenfalls ist die Kunst des Abgangs eine sträflich vernachlässigte Disziplin. Und schon deshalb kann es lehrreich sein, einmal über den kulturellen Tellerrand zu schauen: Nach Japan zum Beispiel, das in dieser Hinsicht eine ganz  besondere Tradition entwickelt hat. Beim sogenannten finalen Rückritt stürzt sich der Betreffende in sein Schwert und stirbt, möglichst ohne einen einzigen Muckser von sich zu geben. Seppuku nennen das die Japaner - und auch, wenn man eine gewisse Theatralik kritisieren mag, muss man zugestehen: Das hat Stil, das macht Eindruck und bringt eindeutig die heutzutage so wichtige "street-credibility".  

Scheibchenweiser Abschied aus allen Ämtern

Unsere Politiker haben sich - warum auch immer -  mit dieser Art des Abgangs nie besonders anfreunden können. Doch auch hierzulande gibt es in Sachen Rückzug durchaus innovative Köpfe. Ganz vorn ist hier Horst Seehofer zu nennen, der erst mit dem Modell des "angetäuschten Abgangs" experimentierte, um dann zu einer Methode überzugehen, die inzwischen auch als "Raten-Rückritt" bezeichnet wird: Nämlich den scheibchenweisen Abschied aus allen Ämtern. Mit vorbildlicher Klarheit beweist Seehofer, dass man seinen politischen Abgang so verstolpern kann, dass auch letzte Spurenelemente von Würde verlässlich getilgt werden. Nicht ohne Bewunderung spricht die Fachwelt inzwischen vom Horstschen Theorem: Danach wächst mit der Fehlerquote eines Politikers (F von P) gleichzeitig seine Klebekraft an politischen Stühlen (K von P), wobei K gegen unendlich strebt. Nach unbestätigten Berichten verarbeitet Seehofer übrigens seine Trennungserfahrungen gerade in einer Autobiographie. Der Titel: Sag zum Abschied leise Söder.

Horst Seehofer und Markus Söder geben sich die Hand am Ende einer CSU-Vorstandsitzung. © dpa - Bildfunk Foto: Peter Kneffel

Die Kunst des politischen Abgangs

NDR Info - Auf ein Wort -

Horst Seehofer wird als CSU-Chef abgelöst. Schlechter kann man einen politischen Abgang kaum inszenieren, meint Marcel Güsken und bittet auf ein Wort.

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Man braucht eine Exit-Strategie

Politik, das können wir vom Fall Seehofer lernen, ist wie ein Blockflötenkonzert an der Grundschule: Wenn es zu weh tut, braucht man eine Exit-Strategie. Besser als andere hat das Angela Merkel verstanden, die wiedermal die Dinge vom Ende her denkt und uns so den Blick auf ein seltenes Phänomen bietet: Einen politischen Abgang unter Rettung der Restwürde. Doch bevor wir Merkel aus dem Kanzleramt in den Abendhimmel über der Uckermark reiten lassen, müssen wir auf die Partei schauen, die beim Abgang ihres Spitzenpersonals ohne Zweifel die fundiertesten Erfahrungen vorweisen kann - die SPD.

Konsequenter als andere experimentiert die SPD mit Modellen, die das Absägen der Partei-Elite nicht mehr als singuläres Ereignis begreifen, sondern als permanenten Prozess. Der Rücktritt als Strukturprinzip: Wir wissen nicht, ob eine verborgenen Todessehnsucht dahinter steht oder nur ein unerklärter Wettbewerb mit dem HSV, wer häufiger den Trainer wechselt. Klar aber ist, dass die Sozialdemokraten als einzige Partei am Beispiel ihrer Vorsitzenden illustrieren, was prekäre Beschäftigung bedeutet.

Regelmäßig ein Opfer bringen

Auf diese Weise ist die SPD jedenfalls der Konkurrenz mindestens einen Schritt voraus - auf dem Weg in die politische Bedeutungslosigkeit. Doch angeblich werden in der Partei längst unkonventionelle Wege erwogen, um den Abwärtstrend zu stoppen: Das sogenannte "Azteken-Modell" zum Beispiel. Danach könnte die Partei regelmäßig einen Vorsitzenden öffentlich opfern, um so den Wähler gnädig zu stimmen. Die Opfer-Zeremonie würde natürlich modern inszeniert, vielleicht mit Helene Fischer als Moderatorin und André Rieu, der im Hintergrund leise fiedelt: "Wenn wir schreiten Seit an Seit". Das hätte Stil, das hätte Eventcharakter. Und eigentlich bliebe nur noch eine Frage zu klären: Wer sagt es der Andrea?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 18.01.2019 | 18:25 Uhr