Stand: 17.06.2019 16:45 Uhr

Die Sache mit der zerstörten Kunst

Auf der großen Kunstmesse Art Basel ist leider eine Skulptur zu Schaden gekommen. Ein kleines Kind fegte die nachgestaltete Fliege vom Sockel. Zu dumm und vor allem: ziemlich teuer.

Eine Glosse von Richard Berkowski

Kunst soll zur Auseinandersetzung einladen - und es ist wichtig, unsere Jugend möglichst früh an die Kunst heranzuführen. Wer wollte diese beiden Aussagen wohl bestreiten? Setzt sie aber mal jemand in die Tat um, ist das Ergebnis auch wieder nicht unbedingt wünschenswert. Hat doch auf der Art Basel eine Mutter ihre dreijährige Tochter im Buggy so dicht an die Skulptur "Fliege" der deutschen Künstlerin Katharina Fritsch herangeschoben, dass es der Kleinen gelang, diese vom Sockel zu stoßen, also die Fliege, nicht die Künstlerin. Die Fliege brach sich beide Flügel und schon war ein Schaden in Höhe von rund 50.000 Euro entstanden.

Moderne Kunst oder Schaufenster-Dekoration?

Das wirft zwei Fragen auf: Wer soll das bezahlen? Und warum, bitte schön, gleich 50.000 Euro? Gut, die Fliege war für eine Fliege doch sehr schön groß und sie war für ein modernes Kunstwerk auch gleich erstaunlich gut und eindeutig zu erkennen. Andererseits erinnert sie mich sehr stark an die Schaufenster-Dekoration unserer örtlichen Apotheke zur Sommerzeit, wo eine aus Kunststoff gefertigte überdimensionale Stechmücke zum Erwerb von entsprechenden Abwehrtinkturen auffordert. Auch sehr anschaulich, aber eben doch nicht im 50.000-Euro-Preissegment unterwegs.

Immerhin kann man einer Dreijährigen wenigstens keine böse Absicht unterstelle. Und man kann ihr auch kaum vorwerfen, die Relevanz des Kunstwerkes unterschätzt zu haben.

Auf einer Grafik steht "Ist das Kunst oder kann das", danach kommt das Symbol eines Mülleimers. © NDR

Kaputte Fliege und ranzige Butter

NDR Info - Auf ein Wort -

Auf der Art Basel hat kleines Kind aus Versehen die Skulptur einer Fliege vom Sockel gefegt. Der Schaden ist erheblich. Richard Berkowski bittet auf ein Wort.

5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Traurige Berühmtheit einer Fettecke

Ganz anders als im Falle jener wackeren SPD-Frauen, die 1973 im Rahmen einer Feier ihres Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath eine von Joseph Beuys präparierte Baby-Badewanne kurzerhand säuberten, um darin Geschirr zu spülen. Nun ist es wohlfeil, den Damen mangelndes Kunstverständnis vorzuwerfen, mir aber scheint die Frage berechtigter, warum Joseph Beuys aus diesem Vorfall nichts gelernt hat. Denn neun Jahre später verfertige er in der Düsseldorfer Kunsthalle, indem er ein Paket Butter in fünf Meter Höhe in eine Ecke schmierte, eben jene Fettecke, die ihre traurige Berühmtheit dadurch erlangte, dass sie vier Jahre später von einem Hausmeister entfernt wurde, weil er ihren ranzigen Geruch als unangenehm empfand. Beuys war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben, aber eine eindeutige Kennzeichnung seines Werkes wäre ihm zu Lebzeiten sicher möglich gewesen.

"Oh, das allerdings ist Kunst!"

Wie dem auch sei, der Besitzer der Fettecke wurde damals mit immerhin 40.000 D-Mark entschädigt, was die derzeitige Diskussion um den Wert von Lebensmitteln mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum in völlig neuem Licht erscheinen lässt. Mich aber erinnert die Diskussion um die Preise für Kunstwerke immer an jene Geschichte, in der ein Mann einen befreundeten Maler in seinem Atelier besucht. Der zeigt ihm sein neuestes Werk und bittet um eine Beurteilung. "Na ja", sagt der Freund, "das ist Technik". Darauf der Maler: "Ich habe es für 50.000 verkauft". "Oh, das allerdings ist Kunst!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 17.06.2019 | 18:25 Uhr