Stand: 13.08.2019 14:42 Uhr

Das Tier und wir

Eine WWF-Studie hat gezeigt: Die Anzahl von Tieren in unseren Wäldern ist stark rückläufig. Das wird im Allgemeinen sehr bedauert. Wenn aber Tiere den Wald verlassen und praktisch von draußen ins Haus eindringen, dann kann Tierliebe schon mal unter die Räder kommen. Marcel Güsken über Tiere, die nerven.

Eine Glosse von Marcel Güsken, NDR Info

Das Tier und wir: ohne Zweifel ein schwieriges Verhältnis. Immer wieder haben wir uns auch an dieser Stelle für die leidende Kreatur stark gemacht, haben solidarisch der Biene die Daumen gedrückt bei ihrem Kampf gegen das Aussterben, haben geschredderte Küken betrauert und japanischen Walfang angeprangert. Jederzeit geben wir zu, dass wir mit unserem ökologischen Fußabdruck der einen oder anderen Spezies gehörig auf die Zehen getreten haben. Aber zur Wahrheit gehört auch: Nicht immer ist allein der Mensch schuld am angespannten Verhältnis zur Mit-Kreatur. Manchmal lautet die schlichte Diagnose: Das Tier nervt.

Ameisen laufen über eine geöffnete Hand. © dpa - Bildfunk Foto: Peter Steffen

Die Sache mit der Tierliebe

NDR Info - Auf ein Wort -

Tiere in Wäldern sind stark rückläufig, bedauert die aktuelle WWF Studie. Im heimischen Wohnzimmer hingegen ist das oft anders. Marcel Güsken über Tiere, die nerven.

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Feindliche Übernahme durch Ameisen

Zum Beispiel in unserem Wohnzimmer: Jedes Jahr starten Ameisen hier den Versuch einer feindlichen Übernahme. Es beginnt harmlos mit einen paar geflügelten Exemplaren, die vortäuschen, sie hätten die Orientierung verloren und seien nur zufällig vorbeigekommen. Man reagiert verständnisvoll: Glas drüber, Postkarte drunter - und schon sind die verirrten Tiere wieder draußen. Problem gelöst? Von wegen. Am nächsten Morgen haben sich mindestens 50 Ameisen vor dem Sofa zusammengerottet - offenbar eine Solidaritätsdemo für die nach draußen beförderten Verwandten. Jetzt sinken die Skrupel bei der Gegenwehr: Der 2000-Watt-Staubsauger macht kurzfristig dem Spuk ein Ende, was allerdings nur die Eskalationsschraube weiter anzieht. In Ameisenkreisen wird jetzt mobilisiert, jeden Tag sind es mehr, und zwei Wochen später finden wir die Insekten nicht nur vor dem Sofa, sondern an Fußleisten, Fenstern und Türen - und zwar in Mengen, bei denen man durchaus von einer Population sprechen kann. Nicht mitgezählt die radikale Gruppe, die sich im Staubsaugerbeutel eingerichtet hat und von dort den Widerstand organisiert.

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Ameisen in den eigenen vier Wänden: ein Problem, gegen das die meisten Menschen mehr oder minder rabiat vorgehen.
Lokal begrenztes Artensterben

Spätestens jetzt ertappen wir uns bei dem Gedanken, dass so ein Artensterben - lokal begrenzt auf unser Wohnzimmer - vielleicht doch keine schlechte Idee ist. Nur kurz erwägen wir die ökologisch korrekte Strategie: nämlich die natürlichen Feinde der Ameise in Stellung zu bringen und Schwarzspecht, Tausendfüßler oder Wanzen im Wohnzimmer anzusiedeln. Dann fällt die Entscheidung für die schmutzige Variante. Aus dem Baumarkt besorgen wir Köderdosen mit Lockstoffen. Die tragen die Tiere in ihre Nester und vergiften so ihre eigenen Kinder. Gemein? Skrupellos? Abscheulich? Ohne Zweifel - aber wirksam.

Die biologische Kriegsführung macht der Population jedenfalls innerhalb von Tagen den Garaus. Vielleicht haben die Ameisen jetzt die Botschaft verstanden: Evolution ist kein Kindergeburtstag. Evolutionär gesehen haben es die Ameisen zwar zu komplexer Organisation und zur Staatenbildung gebracht - wir aber zu Staubsauger und Köderdose. Im Kampf um das Biotop Wohnzimmer ein entscheidender Faktor.

Wiedergeburt als Kakerlake?

Das Tier und wir: Fernöstliche Religionen fordern Mitgefühl mit allen Lebewesen. Wenn sie recht haben, werden wir wohl für den Ameisenkindermord zahlen müssen - und im nächsten Leben als Kakerlaken wiedergeboren. Aber das ist es wert. Und bis dahin berufen wir uns auf eine alte, kaum bekannte indianische Weissagung: Erst wenn die letzte Ameise vor dem Sofa verschwunden ist, erst wenn das allerletzte Insekt aus seinem Tipi hinter der Fußleiste vertrieben ist, dann werdet ihr sehen, dass man auch ohne diese Viecher ziemlich gut leben kann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 13.08.2019 | 18:25 Uhr

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