Stand: 04.02.2019 16:08 Uhr

Das Problem mit dem "Problemwolf"

Der Wolf, der in Deutschlands Wälder zurückgekehrt ist, hat heftige Diskussionen ausgelöst. Denn der Wolf, besser: die Wölfe haben Schafe gerissen. Nun ist ein "Problemwolf" in Schleswig-Holstein zum Abschuss freigegeben worden. Die Bauern sind begeistert, Tierschützer dagegen sind entsetzt.

Eine Glosse von Marcel Güsken

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Was tun, wenn der Wolf kommt? Schwierige Frage ...

Der Wolf und wir - ohne Zweifel ein spannungsreiches Verhältnis. Das wissen wir seit Kindertagen, seit diesem Zwischenfall, der auch als die "Rotkäppchen-Verschwörung" bekannt wurde. Seitdem bleibt da dieses nagende Gefühl: Hier ist bitteres Unrecht geschehen. Viele erinnern sich noch an den Tatort im Haus der Großmutter. "Warum hast Du so große Ohren?", fragt scheinbar harmlos das Rotkäppchen. "Damit ich Dich besser hören kann", antwortet der Wolf, noch beschwichtigend, mit klarer Botschaft: Wir müssen alle mehr aufeinander hören, auch über die Spezies-Grenzen hinweg. Doch Rotkäppchen legt nach, und diesmal ist die Provokation kaum zu ignorieren: "Warum hast Du so einen großen Mund?", fragt sie das Tier, das doch für sein Großmaul nichts kann. Worauf dem Wolf der Kragen platzt: "Damit ich Dich besser fressen kann", ruft  - in seiner Würde verletzt - das Tier und trifft eine - zugegeben - etwas übereilte Entscheidung.

Zum Abschuss freigegeben

Die Folgen sind bekannt: der Jäger, die Wackersteine, der qualvolle Tod des Wolfes. Triumph des Rotkäppchens. Und ein Debakel für den Wolf. Im Kampf um die öffentliche Meinung muss das sogenannte Wackerstein-Massaker als Markstein einer verheerenden Niederlage gewertet werden - ein Waterloo für den Wolf, das bis heute nachhallt. Vor 200 Jahren wurden die Tiere in Deutschland ausgerottet. Und jetzt, wo sie wieder sesshaft werden, schicken Rotkäppchens Nachfolger die Jäger: Zum Abschuss freigegeben ist der Wolf mit dem schönen Namen GW 924m, wohnhaft im Kreis Steinburg.

Der Wolf hat noch Freunde

Ein Problemwolf, heißt es. Verhaltensauffällig. Nur weil GW 924m bei der Sicherung seines Abendessens auf eher unkonventionelle Methoden zurückgriffen hat. Keiner fragt, ob der Wolf vielleicht eine schwere Kindheit hatte? Ob das Rudel ihn erst zu dem gemacht hat, was er ist? Aber ein paar Freunde hat er noch. Der WWF und die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe verlangen weitere Untersuchungen und verweisen auf Experten: Nicht der Wolf sei das Problem, sondern unser Umgang mit ihm.

Beratungsstellen für friedliche Lösung

Und tatsächlich spricht viel für eine Deeskalation. Immerhin bieten ja Land und Bund friedliche Konfliktlösungsmöglichkeiten an, wie zum Beispiel den Wolfsberater und die Wolfsberatungsstelle. Zugegeben, so ganz verstanden haben wir nicht, welche Art von Beratung die Wölfe hier erhoffen dürfen. Vielleicht geht es um psychologische Hilfe, wie man als Wolf mit falschen Verdächtigungen und übler Nachrede umzugehen lernt. Vielleicht aber geht es ganz praktisch um ein paar schmackhafte Rezepte für Lamm-Kotelette - oder Jäger-Schnitzel.

Ein vertrauensbildender Wolf-Schaf-Dialog

Klar jedenfalls ist: Wenn alle Beteiligten ein bisschen aufeinander zugehen, dürfte die Suche nach einem gewaltfreien Kompromiss nicht so schwer sein. Und hier kommt nur eine Strategie infrage, die sich in Tausenden von deutschen Kitas immer wieder bewährt hat: der Stuhlkreis.

Und so könnte es dann aussehen in der Beratungsstelle: fünf Wölfe auf der einen Seite, auf der anderen Seite fünf Vertreter der Schafe, in der Mitte der Wolfsberater. Man darf sicher sein, dass nach anfänglich etwas bissigem Meinungsaustausch über unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten bald Ruhe herrscht. Die Schafe dürften dann verstanden haben, dass sie ihre doch sehr einseitige Festlegung auf vegetarische Kost nicht anderen Kulturkreisen vorschreiben können.
Und die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe? Sie wird vielleicht dafür werben, den vertrauensbildenden Wolf-Schaf-Dialog doch bald fortzusetzen. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann wirbt sie dafür noch heute.

Weitere Informationen

Pinneberger Wolf zum Abschuss freigegeben

Der Wolf mit der Code-Nummer GW 924m darf abgeschossen werden. Das Tier hält sich seit vergangenen Sommer in Südholstein auf und hat nachweislich Schafe hinter Schutzzäunen gerissen. mehr

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NDR Info | Auf ein Wort | 04.02.2019 | 18:25 Uhr