Stand: 13.07.2018 13:32 Uhr

Billigflieger - und die gerechte Strafe dafür

Für die Sommersaison ist Chaos am Himmel prognostiziert. Zu viele Flugpassagiere, zu wenig Flugzeuge, nicht ausreichend Crews. Vor allem die Billigflieger sind überlastet und ganz offenbar überfordert. Udo Schmidt hat gerade seine ganz eigenen Erfahrungen damit gemacht. Selber schuld, findet sein Büronachbar Wolfgang Müller.

Zwei Glossen von Udo Schmidt und Wolfgang Müller, NDR Info

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Eigentlich wollte Udo Schmidt nach Krakau. Das Abenteuer begann jedoch bereits im Billigflieger.

Leider ist der Flug um eine Stunde verspätet, der Start verzögert sich entsprechend. Diese Auskunft auf der Billigflug-Anzeige schien mir noch recht profan. Eine Stunde Verspätung, so ist es doch eigentlich immer. Als der Airbus aus Hamburg dann mit uns in Stuttgart angekommen war, war es dann doch schon etwas mehr als eine Stunde. Und der Weg zum Flieger nach Krakau, in den es umzusteigen galt, wurde lang. Aber gerade noch geschafft, dachten wir und merkten schnell: kein Grund zur Eile! Der nächste Billigflug-Airbus konnte nicht starten, weil ein Crewmitglied ausgeliehen war. Ausgeliehen! Ja, an eine andere Billigflug-Mannschaft. So eine Art Transfer eben. Wir alle im Flieger am Boden. 45 Minuten, dann war das Crewmitglied da, gehetzt aus einer Freischicht geholt, aber es fehlte der Start-Slot. Klar, dachte ich, können die nichts dafür. Warten also.

Können die nichts dafür

Dann die Auskunft, dass ein Teil des Luftreinigungssystems kaputt sei und ausgetauscht werden müsse. Klar, können die nichts dafür, dachte ich, und fragte naiv, sehr naiv, nach einem Glas Wasser für eine mitreisende kranke Freundin. Oh, Wasser, sagte der Transfer-Steward. Wasser gebe es nur für die Premium-Passagiere oder wie auch immer die heißen mögen. Klar, Wasser ist ein rares Gut. Haben sie nicht dabei. Können sie nichts dafür. Eine weitere Stunde Warten - Wasser wird auch völlig überbewertet - dann gehe ich nach vorne zum Chefsteward mit der freundlichen Bitte, doch einmal durchzusagen, wie es denn nun weitergehe. Mit der Luftreinigung - die Klimaanlage war inzwischen aus - und mit dem Weiterflug. Weiterflug! Ja, sagte der Purser, wir sollten darüber reden, aber der Flugkapitän möchte das nicht.

Eine halbe Stunde später dann doch eine Durchsage: Alle aussteigen bitte, heute kein Flug mehr! Wir alle, gemeinsam mit einer frohgelaunten Gruppe in ein nahe gelegenes Hotel. Naja, so nahe auch wieder nicht. Dafür aber nur mit leichtem Gepäck. Unser Koffer nämlich war in Hamburg stehen geblieben. Es gibt eben auch positive Pannen.

Billigflug - weil es am Boden doch am schönsten ist

Am nächsten Morgen, nach großzügigen drei Stunden Schlaf, Neustart nach Krakau, 6.40 Uhr. Fast jedenfalls, alle Passagiere waren da - nur die Crew fehlte. Offenbar war der Transfermarkt leer gefegt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich kann ja frühmorgens die kreativsten Gedanken fassen. Billigflug - weil es am Boden doch am schönsten ist. So was in der Art fiel mir ein, in Stuttgart beim Warten.

Irgendwann ging es los, und Krakau war auch wunderschön. Blöd nur, dass sich der Rückflug nicht vermeiden ließ. Billigflug hatte den Rückflug bis Stuttgart kurz angekündigt vorgezogen, nicht allerdings den Anschlussflug nach Hamburg. Vier Stunden Warten waren eingeplant, aus denen dann knappe sieben wurden. Denn die Anschlussmaschine kam nicht. Irgendwo in London stehen geblieben. Geraune. Vogelschlag hieß es plötzlich. Wooow. Aufregend.

Andere hatten es noch schlechter

Umbuchen auf einen früheren Hamburg-Flug ging auch nicht, da die Schlange vor dem Billigflug-Service-Schalter etwas unübersichtlich war. Service! Hmm, hmm. Unübersichtlich, weil drei weitere Billigflug-Verbindungen ganz gecancelt worden waren. Andere hatten es also noch schlechter.

Billigflug - nur Bahnfahren ist schöner - und schneller. Es gab eben viel Zeit für Kreativität. Billigflug - Wir halten sie vom Himmel fern. Und das ist auch gut so, meint mein Kollege Wolfgang Müller.

Billigflieger - und die gerechte Strafe dafür

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Wer billig fliegt, muss mit Problemen rechnen, findet Wolfgang Müller.

Aber, offen gesagt, mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wer billig fliegt, kriegt halt billig. Ich muss jetzt ein bisschen vorsichtig formulieren, wir wohnen hier im Funkhaus sozusagen quer über den Flur. Aber, Entschuldigung, Udo: Sagt einem das nicht der gesunde Menschenverstand, dass irgendwas nicht stimmen kann, wenn man für dreißig Euro nach Mailand oder Manchester fliegen kann, oder eben nach Krakau? Dass dann zumindest alles randgenäht ist? Knappe Anschlüsse, null Catering und eine Crew in der Sinnkrise? Mit Glück kann es auch mal funktionieren. Aber dass der ganze Plan ins Rutschen kommt und man die erste Nacht statt in der polnischen Königsstadt im Schwabenland verbringt, das ist doch, lieber Udo, nicht nur Pech, sondern Teil des Geschäftsmodells.

Ich liebe fliegen, aber ...

Ganz kurz gebe ich noch zu Protokoll, dass die übertriebene Fliegerei auch unter Umwelt-Gesichtspunkten grober Unfug ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe fliegen - und werde nie vergessen, wie die Vulkane auf Java von oben aussehen oder die Pyramiden von Gizeh oder die Insel Santorin. Was für ein schöner Planet! Aber das heißt doch nicht, dass man, wie manche Leute, achtmal im Jahr mit dem Flieger in den Kurzurlaub muss. Aber, lassen wir das, da ziehe ich jetzt wieder den ganzen Hass auf mich.

Hat sich Odysseus beschwert?

Andererseits - warum nicht? Ich kann das noch ein bisschen steigern. Eigentlich steht mir immer vor Augen, wie mühsam das Reisen in früheren Zeiten war: ohne Flugzeug, ohne Auto sogar, also in der Kutsche, auf rumpeligen Wegen, in der vollen Hitze oder im Winter in dicke Mäntel gemummt. Das Catering war auch bescheiden, und die Crew bestand aus einem fluchenden Kutscher. Nein, bevor jetzt alle schreien, ich will da nicht zurück. Ich bin nur so reaktionär, dass ich finde: Wir sollten unseren Komfort überhaupt noch wahrnehmen, statt uns bei jeder Kleinigkeit so aufzuregen, als wäre die Erde aus ihrer Umlaufbahn geraten.

Insofern, lieber Udo: An einem Wochenende nach Krakau und zurück reisen, sogar noch mit einem kostenlosen Aufenthalt im Schwabenland, das auch seine Reize hat - das ist doch keine schlechte Bilanz. Da gab es schon Reisen, die ganz anders aus dem Ruder gelaufen sind. Aber hat sich Odysseus am Ende beschwert?

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NDR Info | Auf ein Wort | 13.07.2018 | 18:25 Uhr