Stand: 04.01.2018 14:47 Uhr

Armbanduhr war gestern

Vor rund 100 Jahren begann der Siegeszug der Armbanduhr. Inzwischen jedoch gerät die Uhr am Handgelenk immer mehr in Bedrängnis, durch Smartphones beispielsweise. Die weltgrößte Uhrenmesse in Basel etwa verkleinert jetzt ihre Ausstellungsfläche deutlich. Die emotionale Bindung zur Uhr schwindet, sagt Johannes Graf, Vize-Chef des Uhrenmuseums in Furtwangen. Armbanduhr war gestern.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

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Ein Anblick, den man immer weniger sieht.

Können Sie sich noch erinnern, wie es in der Silvesternacht kurz vor Mitternacht bei ihren Freunden, die mit ihnen gefeiert haben, war? Haben die gespannt und gebannt auf ihre Armbanduhren geschaut, wann es denn endlich Mitternacht ist und der Schampus fließt? Oder haben die vielleicht doch eher auf ihr Smartphone gestarrt, um die Zeit im Blick zu haben und um dann, wenige Sekunden nach Mitternacht und noch vor dem Schampus ein schnelles Spontanfoto zu machen, von allen Freunden mit hochgerissenen Armen, dass dann wenig später bei Facebook und auf Instagram zu finden war und dem ein oder anderen der vertrauten Menschen auf der Party vielleicht später mal bei der Bewerbung um einen besseren Job, na, ein wenig schädlich sein könnte.

Kein Platz mehr am Handgelenk...

Haben ihre Gäste und Freunde das alles getan, vor vier Tagen um Mitternacht, ohne auch nur einmal auf die Armbanduhr zu schauen - vielleicht weil sie ganz einfach überhaupt keine Armbanduhr mehr tragen? Weil an den Handgelenken wegen vieler Freundschaftsbändchen, Eintrittsbänder großer Musikfestivals und Glücksketten aus dem letzten Asienurlaub einfach kein Platz mehr für eine Armbanduhr ist. Und weil Armbanduhren einfach out sind, hoffnungslos oldfashioned. Vielleicht noch zum Sammeln oder als Wertanlage geeignet, wenn sie denn wertvoll sind, aber ganz sicher nicht zum Tragen und Draufschauen.

Armbanduhr war gestern. Jetzt ist Smartphone oder Fitnessarmband, das auch die Zeit kann. Armbanduhr, das ist, als wenn sie beim Autofahren nicht auf ihr Navi oder auf Google Maps schauen - schon wieder das Smartphone übrigens - sondern alle zehn Kilometer anhalten, um mit dem Navigationsbesteck den Stand der Sonne und damit die eigene Position auf der Autobahn zu ermitteln. Oder als wenn sie die nächste Party, mal nicht Silvester, mit einem Leierkasten bestreiten, der unbestritten süß und romantisch klingt, aber nur die drei Stücke spielen kann, die auf seine Rollen gestanzt sind und der daher Spotify ein wenig unterlegen ist.

Eine Armbanduhr  mit Ziffernblatt. © N-JOY Foto: Eva Köhler

Warum die Armbanduhr einfach out ist

NDR Info -

Die Uhr am Handgelenk gerät immer mehr in Bedrängnis, auch weil die emotionale Bindung zur Uhr schwindet. Udo Schmidt bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Armbanduhr so Retro wie die Vinyl-Schallplatte

Armbanduhr war gestern. Jetzt, gut 100 Jahre nach dem Beginn ihres Siegeszuges, ist die Armbanduhr so Retro wie die Vinyl-Schallplatte oder das gebundene Hardcover-Buch, das alle lieben, manche verschenken und nur noch wenige lesen. Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Wenn sie mit einem gebundenen Buch in der U-Bahn stehen, dann wird ihnen doch sofort von einem dieser Smartphone-Junkies ein Sitzplatz angeboten. Klar, wer Bücher liest, neigt zur Gebrechlichkeit. Mit Autos mit Verbrennungsmotor übrigens wird es bald ähnlich sein. Man hat noch eines vor der Tür stehen, weil es so schön aussieht und Sentimentalität schließlich etwas ausgesprochen Menschliches ist. Aber Motor anlassen und fahren ist ungesund und irgendwann auch ganz verboten.

Also gehen sie bald Sonntags mit ihrer Armbanduhr vor die Haustür, setzen sich in ihr stillgelegtes Dieselfahrzeug, hören Musik aus dem im Auto eingebauten Kassettenrekorder - der Leierkasten ist doch etwas sperrig - und machen sich Gedanken darüber, wie schnell doch die Zeit vergeht.

Obwohl 100 Jahre Siegeszug der Armbanduhr doch eine ganze Menge ist. Genug eben!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 04.01.2018 | 18:25 Uhr