Stand: 16.04.2019 19:30 Uhr

Warum Herr Brennecke sich Sterbehilfe wünscht

von Jennifer Lange

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt am Dienstag und Mittwoch in Karlsruhe über das Verbot organisierter Sterbehilfe. Dabei geht es um sechs Verfassungsbeschwerden, die sich gegen Paragraf 217 des Strafgesetzbuchs richten, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt. Sterbehilfe-Vereine, Einzelpersonen und Ärzte haben Beschwerde eingelegt, weil sie dadurch im Grundgesetz zugesicherte Rechte wie die Berufsfreiheit und das Persönlichkeitsrecht verletzt sehen. Einer, der sich Sterbehilfe wünscht, ist Hans-Jürgen Brennecke aus Reppenstedt bei Lüneburg.

Die Diagnose kam vor dreieinhalb Jahren. Krebs. Eine äußerst aggressive Form. Hans-Jürgen Brennecke schaut nachdenklich aus seinem Wohnzimmerfenster. Draußen liegt das Kinderspielzeug der Nachbarskinder. "Ich will am Ende selbst entscheiden, wann ich so unendlich leide, dass ich nicht mehr leben will", sagt Brennecke.

Bild vergrößern
Hans-Jürgen Brennecke hat Angst davor, nicht selbst entscheiden zu können, wann und wie er stirbt.

Der 74-Jährige war früher Erzieher. Er schaut zufrieden auf sein Leben. Doch aktuell sind wieder neue Metastasen aufgetaucht. Seine Angst ist groß, irgendwann nicht selbst entscheiden zu können, wann und wie er stirbt. "Wenn öffentlich bekannt geworden ist, dass Leute sich umgebracht haben, habe ich schon immer gedacht, dass diese Leute die Freiheit hatten, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen", sagt Brennecke. "Gunter Sachs hat sich umgebracht, als er an Demenz erkrankte. Ich sagte, das ist doch seine Entscheidung. So hatte ich die Einstellung schon immer. Aber akut ist es erst geworden, seitdem ich selber einen Krebs habe, der tödlich enden kann."

"All das ist würdelos"

Seine Angehörigen wissen von seinem Wunsch. Er spricht offen darüber. Dass der assistierte Suizid in Deutschland verboten ist, kann er nicht nachvollziehen. Das zwinge todkranke Menschen, die nicht mehr leben wollen, zu unwürdigen Alternativen. "Ob es die brutale Art und Weise ist sich umzubringen oder ob es die Totalsedierung ist, wo man noch Wochen, Monate oder gar Jahre bewusstlos irgendwo herumliegt und total versorgt werden muss, bis der Körper dann mal irgendwann aufgibt. All das ist würdelos und für mich inakzeptabel."

Schwerkranke, die sich selbst töten wollen

Damit meint er die Palliativmedizin. Robert Roßbruch ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS). Der Jurist beobachtet ebenfalls, dass die Palliativmedizin für seine schwerkranken Klienten keine Alternative ist. "Ich vertrete da einen Mandanten, der ist in der Endphase seiner Erkrankung. Das heißt, er ist praktisch völlig bewegungslos, sitzt in einem Spezialrollstuhl und wird rund um die Uhr pflegerisch versorgt - und das schon seit 20 Jahren. Und jetzt sagt er sich, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich möchte jetzt, solange es mir noch möglich ist, Nahrung aufzunehmen über einen Strohhalm, mich selbst suizidieren."

Erfahrungen aus einem Hamburger Hospiz

Bild vergrößern
Hospiz-Mitarbeiterin Silke Grau redet auch mit Angehörigen offen über das Thema Sterbehilfe.

Silke Grau kann solchen Ansichten wenig abgewinnen. Sie arbeitet in einem Hospiz in Hamburg. Wenn der Tod richtig begleitet werde, sei das Thema Sterbehilfe vom Tisch. "Hier im stationären Hospiz erleben wir, dass die Fragen inzwischen seltener gestellt wird, also die Frage nach aktiver Sterbehilfe oder die Frage: Kann ich nicht die Spritze kriegen?"  

Offen über Sterbehilfe reden

Wenn Gäste die Pflegedienstleiterin dennoch auf das Thema ansprechen, rede sie offen darüber. "Das ist bei uns in keinster Weise mit Scham besetzt oder mit der kurzen Antwort 'Nein, das machen wir hier nicht‘ und dann gehen wir wieder aus dem Zimmer raus. Wir sind da, wir reden mit den Leuten und fragen: Was bringt sie jetzt, in diesem Moment zu der Frage? Was wünschen sie sich? Was ist es, das es für sie gerade unerträglich macht?" Oft helfe es die Symptome zu lindern oder den Patienten zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

Heinrich Bedford-Strohm © ELKB/Rost

Bedford-Strohm: Wir dürfen kein Leben aktiv beenden

NDR Info - Aktuell -

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über die Sterbehilfe. Das Tabu, kein Leben aktiv zu beenden, müsse bleiben, sagt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.

3,4 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Zehn Minuten später fragen sie nach dem Kuchen"

Genauso erleben wir es, dass Menschen sagen: 'Ich werde jetzt nichts mehr essen und nichts mehr trinken, ist das für Sie in Ordnung?’ Dann sagen wir: Ja, das ist für uns in Ordnung. Und zehn Minuten später fragen sie, welchen Kuchen es heute gibt - einfach weil dann dieser Geruch durch das Haus zieht. Das heißt dann, ihnen wird dann klar: Eigentlich möchte ich noch gar nicht sterben, ich halte jetzt gerade diese Situation ganz schlecht aus, aber eigentlich möchte ich nicht sterben."

Wenn das Leid zu groß wird

Der krebskranke Hans-Jürgen Brennecke hingegen ist sich sicher: Er wird sterben wollen - wenn das Leid für ihn zu groß wird. Zu einem Zeitpunkt, den er selbst bestimmen kann. Auf humane Art und Weise. Doch das ist ihm aktuell nicht möglich.

Weitere Informationen

Sterben in Würde: Was kann die Medizin leisten?

Die Palliativmedizin konzentriert sich auf die Behandlung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen. Sie hilft beim Leben mit der Krankheit, nicht beim Sterben. mehr

10:07
Das Erste: Panorama

Sterbehilfe: Vom Gericht erlaubt, vom Minister verhindert

Das Erste: Panorama

Schwerkranke haben seit 2017 Anspruch auf ein Medikament, welches ihr Leiden und Leben beendet. Doch ihre Anträge werden nicht bearbeitet, das Ministerium hüllt sich in Schweigen. Video (10:07 min)

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 16.04.2019 | 07:50 Uhr