Stand: 06.08.2019 16:57 Uhr

Pro und Kontra: Sprach-Probleme bei Einschulung

Sollen Kinder, die schlecht oder gar kein Deutsch sprechen, trotzdem in die Grundschule kommen? Über diese Frage wird derzeit in Deutschland viel diskutiert: Grund ist der Vorstoß von Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann, der meinte, wenn Kinder kaum Deutsch können, sollten sie vorerst nicht in die Grundschule gehen, sondern in Vorschul-Kurse. Aber ist das wirklich der richtige Weg? Hat Linnemann recht oder ist das Populismus, wie viele ihm vorwerfen? Was spricht für und was gegen die These?

Sabine Henkel vom WDR und Isabel Reifenrath vom HR haben unterschiedliche Ansichten zu dem Thema. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns gerne - unten auf dieser Seite im Kommentar-Feld.

Pro

"Kinder im Alter von drei oder vier Jahren erlernen eine Sprache spielend leicht", meint Sabine Henkel.

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Sabine Henkel hält eine Vorschul-Pflicht für Kinder aus Einwanderer-Familien für sinnvoll.

Ein Kind, das kaum Deutsch spricht, hat also auf einer Grundschule nichts zu suchen. Das klingt hart und ungerecht. Denn wo sonst als in einer Schule sollen Kinder denn lernen - auch die deutsche Sprache?! Carsten Linnemann aber hat mehr gesagt als das. Nämlich: Es müsse eine Vorschul-Pflicht greifen. Kinder aus Einwanderer-Familien sollen verpflichtet werden, vor der Einschulung die deutsche Sprache zu lernen.

Wieso soll man es den Kindern nicht leichter machen?

Und damit hat der CDU-Mann recht! Kinder im Alter von drei oder vier Jahren erlernen eine Sprache spielend leicht und können sich dann in der 1. Klasse nicht nur sofort in den Unterricht einbringen, sondern sich auch besser integrieren. Natürlich gibt es Fälle, die belegen, dass es auch ohne Deutschkenntnisse geht. Mittlerweile erwachsene Akademiker haben genau das erlebt: Ohne ein Wort Deutsch zu können eingeschult worden zu sein und trotzdem Karriere gemacht zu haben. Die Landtagspräsidentin in Baden-Württemberg zum Beispiel. Aber wer garantiert denn, dass es bei anderen auch so gut läuft, und wieso soll man es den Kindern nicht leichter machen?

Der Skandal liegt woanders

Und nicht nur ihnen, auch den Lehrerinnen und Lehrern. Die sollten sich bei allen Herausforderungen nicht auch noch um Spracherwerb und Sprachförderung kümmern müssen, wenn man das Problem auch anders lösen kann: mit qualifizierten Kollegen, die Kinder anderer Kulturen bestmöglich auf die Schulzeit vorbereiten. Dass das bis heute nicht konsequent passiert, ist der Skandal, nicht die Einlassung von Carsten Linnemann.

Kontra

"Die Idee von Carsten Linnemann finde ich gar nicht mal schlecht, nur völlig unrealistisch", so Isabel Reifenrath.

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Isabel Reifenrath weist darauf hin, dass es in Deutschland viel zu wenig Vorschulen gebe.

Carsten Linnemann will Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, später einschulen. Er wünscht sich Vorschulen, in denen die Kinder auf die Grundschule vorbereitet werden. Die Idee finde ich gar nicht mal schlecht, nur völlig unrealistisch. Denn: Es gibt in Deutschland kaum Vorschulen. Utopisch, überall welche einzuführen. Es gibt schon jetzt zu wenige Grundschullehrer und viel zu wenig Personal in den Kitas und Kindergärten.

Ein Vorschlag für die Tonne

Deshalb ist Linnemanns Vorschlag wirklich für die Tonne. Er bedient rassistische Vorurteile und benennt nicht die wirklichen Probleme. In der Realität sind Lehrer und Betreuer schon lange überfordert - nicht erst seit 2015. Schon vorher saßen sie in renovierungsbedürftigen Räumen mit viel zu vielen Kindern. Jahrelang ist der einzige öffentliche Raum, der noch von der ganzen Gesellschaft genutzt wird, kaputtgespart worden. Deshalb schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen.

Kinder brauchen mehr Lehrer

Seit 2015 gibt es zumindest mehr Deutsch als Zweitsprache - Klassen, mehr Förderunterricht und mehr Kita-Plätze. Natürlich von Land zu Land unterschiedlich und nicht ausreichend - weil Bildung immer noch Ländersache ist. Ein Problem, ja. Aber zu suggerieren, die Lösung der Bildungsmisere könnte ein Ausschließen der Kinder sein, die es sowieso schwieriger haben als die anderen, spielt nur denen in die Hände, die diese Kinder als Störfaktor sehen und sie gar nicht in Deutschland wollen. Genau diese Haltung fördert Ressentiments.

Die Kinder sind aber da. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Sie brauchen mehr Lehrer. Mehr Förderunterricht. Mehr Geld. An den Grundschulen. In den Kitas. An den weiterführenden Schulen.

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NDR Info | Kommentar | 06.08.2019 | 17:08 Uhr