Stand: 15.08.2019 01:00 Uhr

Moderne Landwirtschaft: Was lehren die Hochschulen?

von Susanne Tappe, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Landwirtschaftliche Betriebe werden tendenziell immer größer und vielfältiger. Die Anforderungen an die Bauern wachsen. Deshalb machen viele nicht nur eine Lehre, sondern auch noch ein Studium: zum Beispiel Agrarwirtschaft an der Fachhochschule Kiel. Doch was lernen sie dort und welche Rolle spielen Umwelt- und Tierschutz im Studium?

Bild vergrößern
Conrad Wiermann lehrt an der FH Kiel Pflanzenernährung und Bodenkunde. Er setzt auf Lernen durch Anschauung.

Conrad Wiermann ist Professor für Pflanzenernährung und Bodenkunde und steht im neuen Labor des Fachbereichs Agrarwirtschaft. In den steril wirkenden Räumen riecht es nach Erde und Heu. Der Außenposten der FH Kiel liegt in Osterrönfeld bei Rendsburg. Gerade einmal 90 Erstsemester starten hier pro Jahr in den Bachelor- oder Masterstudiengang. Die Atmosphäre ist sehr familiär.

Bodenproben der eigenen Äcker

Die Bodenproben auf den Labortischen haben fast alle Studenten von ihren eigenen Äckern mitgebracht, beziehungsweise von denen ihrer Eltern. Gemeinsam mit Wiermann analysieren sie die Zusammensetzung des Bodens und testen, wo sein pH-Wert liegt. Ist er zu niedrig? Woran liegt das und was kann der Bauer dagegen tun? Fragen, die sich die Studenten später auch im Erwerbsleben stellen müssen - egal, ob sie einen eigenen Hof bewirtschaften werden oder in die landwirtschaftliche Beratung gehen: "Solche Empfehlungen geben wir den Studenten mit nach Hause. Die Eltern freuen sich, wenn sie eine entsprechende Einschätzung bekommen," sagt Wiermann.

Nicht jeden überzeugt die neue Düngeverordnung

Bild vergrößern
Bachelor-Student Karsten Wulff hält die neue Düngeverordnung für überzogen.

Über die Labortische voller Glaszylinder hinweg diskutieren die Studenten auch über aktuelle politische Entscheidungen - wie etwa die neue Düngeverordnung. Sie beschränkt die Landwirte darin, Gülle als Dünger auf ihren Feldern auszubringen. So soll das Grundwasser vor einer übermäßigen Belastung mit Nitrat geschützt werden. Die Eltern von Bachelor-Student Karsten Wulff haben in Nordfriesland einen Hof mit 450 Hektar Ackerfläche und 3.500 Mastplätzen für Schweine. Die neuen Vorschriften hält der 22-Jährige für überzogen, er meint: "Das wird künftig den Ertrag auf vielen Grenzstandorten so weit einschränken, dass eine Produktion bei den aktuellen Preisen zu deutlichen finanziellen Engpässen führen wird."

Lernen durch Anschauung

Professor Wiermann setzt auf Lernen durch Anschauung. Er zeigt den Studenten, wie schnell Wasser - und mit ihm die Nährstoffe aus der Gülle - durch den sandigen Boden von einem Acker auf der Geest Richtung Grundwasser sickern. Und welchen Einfluss die Bearbeitung darauf hat: "Wird viel Gülle aufgebracht, werden die kleinen Krümel im Boden zerstört. Dann habe ich eine schlechte Bodenstruktur. Wenn ich das weniger intensiv mache, bleiben natürliche Bruchstücke erhalten und diese können dann Nährstoffe und unter Umständen auch Wasser speichern."

Umwelt- und Tierschutz spielen eine größere Rolle

Bild vergrößern
Die Fachhochschule Kiel werde bundesweit eher als eine Unternehmerschule angesehen, sagt Urban Hellmuth.

Wiermann sagt, dass Umwelt- und Tierschutz im Studium heute eine viel größere Rolle spielen als früher. Das bestätigt auch sein Kollege Urban Hellmuth, Professor für Landwirtschaftliches Bauen und Nutztierhaltung. Trotzdem liege der Schwerpunkt des Studiums auf der Wirtschaftslehre: "Die Fachhochschule Kiel ist bundesweit ein bisschen bekannt als Unternehmerschule. Wir haben eben nicht Agrarwissenschaften, sondern Agrarmanagement als Master-Studiengang."

Wie die meisten jungen Menschen seien auch seine Studenten durchaus idealistisch, sagt Hellmuth: "Aber immer mit Vorsicht, weil sie ja letztlich für das Überleben ihres Betriebes verantwortlich sind. Dahinter stehen dann ja meist auch die Familien, Eltern und Großeltern. Und alle beäugen den Neuling natürlich erst mal kritisch. Mit diesem Druck müssen sie auch umgehen."

Bild vergrößern
Master-Studentin Svea Schaffner möchte etwas bewegen. Sie möchte die nachhaltige Landwirtschaft mit entwickeln und vorantreiben.
"Man kann an vielen Stellschrauben drehen"

Deswegen müsse jede Entscheidung am Ende nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch ökonomisch und sozial nachhaltig sein. Gerade dieses Spannungsfeld reizt Svea Schaffner besonders. Sie ist mit dem Master-Studiengang so gut wie fertig und hat sich auf eine Stelle im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in Kiel beworben. Dort hat sie auch schon ihr Pflichtpraktikum gemacht: "Man kann an vielen kleinen Stellschrauben drehen. Für mich ist es wirklich sehr reizvoll, die nachhaltige Landwirtschaft mit zu entwickeln und voranzutreiben." Auch durch eine gezielte staatliche Förderung, wie sie sagt.

Weitere Informationen

Milchbauern zwischen Problemen und Visionen

Die Milchbauern in Friesland arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Der Preisdruck auf dem Milchmarkt macht ihnen zu schaffen, genauso die Kritik an konventioneller Landwirtschaft. (12.08.19) mehr

Hightech auf dem Acker - kostspielige Hilfe

Hightech hält Einzug in die Landwirtschaft. So können Traktoren mit autonomen Lenksystemen die Felder besser beackern. Doch sie sind für einzelne Landwirte oft zu teuer. (13.08.19) mehr

Wie Milchbauern sich bessere Preise sichern

Die niedrigen Milchpreise setzen Bauern stark zu. Zwei Höfe aus Schleswig-Holstein haben sich durch Eigenproduktion, Direktvertrieb und Terminhandel unabhängig gemacht vom strikten Preisdiktat. (16.08.19) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 15.08.2019 | 06:41 Uhr