Stand: 06.12.2017 17:05 Uhr

Trumps Jerusalem-Entscheidung: Dumm, aber ehrlich

Mit der Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, rückt der Frieden im Nahen Osten in die Ferne. Sie ist dumm und zugleich ehrlich. Denn sie räumt mit vielen Lügen auf.

Ein Kommentar von Carsten Kühntopp, Hörfunk-Korrespondent im ARD-Studio Kairo

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Carsten Kühntopp bezeichnet Trumps Entscheidung als dumm, aber ehrlich.

Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump ist dumm, aber ehrlich. Dumm, weil er damit eine gerechte Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern unmöglich macht. Doch nur ein fairer Kompromiss könnte Israel Frieden und Sicherheit bringen - Trump ist also ein schlechter Freund.

Und dumm, weil Trump bewusst die religiösen Rechte der Muslime in Jerusalem missachtet - ein Propagandasieg für Dschihadisten und ein Schlag ins Gesicht der arabischen Verbündeten, die die USA in der Region haben.

Die USA - nie ein ehrlicher Vermittler

Ehrlich ist hingegen, dass Trump eine Reihe von Lügen über den sogenannten Friedensprozess abgeräumt hat. Zum Beispiel die Lüge, dass die USA im Kernkonflikt des Nahen Ostens ein ehrlicher Vermittler seien. Das waren sie nie. Im Zweifel unterstützten die Amerikaner stets die jeweilige israelische Regierung. Die Kunst ihrer Diplomaten erschöpfte sich meist in dem Versuch, den Palästinsern jede Forderung Israels unterzuschieben.

Oder die Lüge, dass es tatsächlich einen Friedensprozess gab. In Wirklichkeit war das nur ein Schauspiel, aufgeführt in unzähligen Akten. Die Israelis konnten deshalb den Moment, an dem sie sich zwischen Land oder Frieden hätten entscheiden müssen, immer weiter hinausschieben. Diese nutzten die Zeit, um immer mehr jüdische Siedler in die besetzten Gebiete zu bringen, damit eine Zwei-Staaten-Lösung  unmöglich wird.

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Die angekündigten Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels durch die USA hat in der Region heftige Reaktionen ausgelöst - und Warnungen weltweit. Mehr bei tagesschau.de. extern

Oder die Lüge, dass es noch Platz für einen zu gründenden Staat Palästina gibt. Wer jemals durchs besetzte Westjordanland gefahren ist, konnte sehen, dass sich die jüdischen Siedler längst jeden Hügel gegriffen haben.

Oder die Lüge, dass die arabischen Nachbarn den Palästinensern zur Seite stehen. Doch das taten sie stets nur in blumigen Fensterreden. Wann immer es zählte, war ihnen ihre Partnerschaft mit den USA wichtiger. Denn die brachte Waffen - und die brauchen die arabischen Potentaten, um ihre Bevölkerungen unterm Deckel zu halten und sich selbst an der Macht.

Trump lässt Palästinensern keine Wahl

Trumps Ehrlichkeit ist, so gesehen, also gut. Denn jetzt begreifen vielleicht auch die Letzten, was in den besetzten Gebieten inklusive Ost-Jerusalem seit Jahren passiert: Die Israelis machen ihre Präsenz dort dauerhaft, ganz zielstrebig. Das Ringen um das Herzstück des Konflikts - Jerusalem - hat Trump nun zu ihren Gunsten entschieden.

Den Palästinensern lässt der Präsident damit keine Wahl mehr. Sie sollten die Forderung nach einem eigenen Staat jetzt offiziell aufgeben und stattdessen beantragen, dass ihre Gebiete vollständig von Israel annektiert werden. Dann würden sie Bürger Israels mit allen Rechten, die dazugehören.

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NDR Info | Kommentare | 06.12.2017 | 18:30 Uhr