Stand: 08.01.2019 11:20 Uhr

Tempolimit: Kein Schutz vor Staus

von Lena Petersen, NDR Info

Die einen bangen um ein Stück ihrer Freiheit. Die anderen wünschen sich ein Ende der Raserei im Sinne der Umwelt. Die Deutsche Umwelthilfe hat im Dezember eine Kampagene für ein generelles Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf deutschen Autobahnen angeschoben - und prüft auch, wie dieses juristisch durchgesetzt werden könnte. Bundesverkehrsminister Scheuer hat der Forderung bereits eine Absage erteilt. Doch das Für und Wider einer Geschwindigkeitsbegrenzung ist nicht nur eine Frage des Klimaschutzes. Auch die Sicherheit auf den Autobahnen ist ein wesentlicher Faktor.

130 km/h: Das wären auf der Autobahn immer noch 10 Kilometer pro Stunde zuviel, ginge es nach der Deutschen Umwelthilfe.

Werner Johannes ist seit mehr als 26 Jahren Autobahnpolizist in Ahlhorn. Das Kommissariat in Nordwest-Niedersachsen ist unter anderem für einen Abschnitt der A1 zuständig. Johannes hat kein Verständnis dafür, dass selbst 18-jährige Fahranfänger mit 250 km/h auf der Autobahn unterwegs sein dürfen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder vierte, fünfte Verkehrstote hier auf der Autobahn nicht zu beklagen gewesen wäre, wenn wir nicht freie Fahrt hätten."

Belastbare Zahlen gibt es nicht

Dafür, dass es durch ein Tempolimit wirklich weniger Unfälle gebe, fehlen bisher die belastbaren Zahlen, sagt Sigfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Trotzdem hätte eine begrenzte Geschwindigkeit auf der Autobahn durchaus einen positiven Effekt, erklärt er: "Zum einen wissen wir, dass die Differenzgeschwindigkeiten zwischen den Fahrspuren sehr hoch geworden sind. Das begünstigt natürlich den Unfall."

Bei geringeren Geschwindigkeiten sei die kinetische Energie entsprechend niedriger, was zu weniger schweren Unfällen führe. "Ob ein Tempolimit wirklich zu weniger Unfällen führt, kann ich nicht sicher sagen", so Brockmann. "Ziemlich sicher kann man aber sagen, dass die Unfallschwere nachlassen würde."

Gut situierte Autofahrer oft an Unfällen beteiligt

An schweren Unfällen seien fast immer Männer beteiligt, so Unfallforscher Brockmann. "Aber eben durchaus nicht, wie man vielleicht auch annehmen könnte, Menschen mit geringerer Bildung, sondern gerade Leute, die gut situiert sind, Leute mit durchaus starken Fahrzeugen." Das liege seiner Einschätzung nach daran, dass diese Leute es gewohnt seien, sich durchzusetzen und einfach glaubten, es gebe ein gewisses Naturrecht, möglichst schnell vorwärts zu kommen."

Dynamische Tempolimits als Lösung?

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Wissenschaftler sehen ein Tempolimit nicht generell als Lösung für weniger Unfälle und Staus an. Eine bessere Auslastung der Spuren sei der Schlüssel.

Justin Geistefeldt, Professor für Verkehrswesen, plädiert für dynamische Tempolimits. Sprich: Wie schnell gefahren werden darf, müsse von der aktuellen Verkehrslage abhängen. Ein automatischer Schutz vor Staus sei ein Tempolimit aber nicht, sagt Geistefeldt. Etwas anderes wäre es, wenn durch ein allgemeinenes Tempolimit eine Verhaltensänderung der Verkehrsteilnehmer eintreten würde, "dass insbesondere alle Fahrstreifen der Autobahnen gleichmäßig ausgelastet sind", sagt der Wissenschaftler.

Letztlich eine politische Frage

Das sei bisher nicht der Fall. Es gebe durchaus geringe positive Effekte eines Tempolimits. Ob die aber für eine allgemeine Einführung ausreichen, sei letztlich eine politische Frage, sagt Geistelandt. Autobahnpolizist Werner Johannes ist sich sicher, dass ein Tempolimit schnell Akzeptanz finden würde. Ähnlich wie das Rauchverbot vor mehr als zehn Jahren. "Das war absolut problemlos, das durchzusetzen. Ich bin davon überzeugt, dass würde bei einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung genauso sein."

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NDR Info | Infoprogramm | 08.01.2019 | 07:20 Uhr

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