Stand: 10.07.2019 15:51 Uhr

Start-up liefert veganes Essen aus der Provinz

von Friederike Witthuhn, NDR Info

Gerade einmal gut 600 Menschen leben in Rothenklempenow in Vorpommern, ganz nah an der polnischen Grenze. Und dorthin führt uns heute unsere Serie über kleine Orte auf dem Land mit großen Ideen. Denn während junge Menschen auf den Dörfern oft ihre Sachen packen, weil es zum Beispiel an Arbeit fehlt, passiert in Rothenklempenow das Gegenteil. Junge Menschen kehren aus der Großstadt zurück ins Dorf, um dort zu arbeiten. Friederike Witthuhn hat das Start-up LunchVegaz besucht, das Fertiggerichte für hippe Großstädter kocht.

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In großen Edelstahlgefäßen werden in Rothenklempenow vegane Fertiggerichte gekocht.

Die Töpfe in der Küche des Rothenklempenower Unternehmens LunchVegaz haben keine herkömmliche Größe - wie man sie von zu Hause her kennt. Hier kochen sie in Edelstahlkesseln in Wannengröße, jeden Tag um die 1.000 bis 2.000 Bio-Fertiggerichte, alle ohne Fleisch.

Gründer des Start-up kehren in die Heimat zurück

Der Koch kommt aus Kolumbien. Das dürfte man auch bei dem einen oder anderen Gericht schmecken, meint Mauricio Franko: "Das ist nicht die typische Paella aus Spanien, sondern wie wir sie in Lateinamerika anbieten: Brokkoli, Möhren, Soja - mit Basmati-Reis gemischt. Kurkuma und am besten auch Safran dazu, das muss den Geschmack und die typische Farbe geben."

14 Fertiggerichte von Bio-Thai-Curry über Gemüselasagne bis hin zu Bio-Chili-Sin-Carne haben sie im Angebot. Jedes Gericht, das neu ins Sortiment kommt, diskutieren die 16 jungen Frauen und Männer aus, die zu LunchVegaz gehören. Ihre Firma ist ein Familienunternehmen. Die drei Geschwister der Familie Thaler arbeiten zusammen. Sie sind im Nachbarort groß geworden, zogen in die Welt hinaus und kamen vor fünf Jahren wieder zurück.

Das Logo der Lebensmittelfirma "Lunch Vegaz" aus Rothenklempenow © NDR Foto: Michael Latz

"Lunchvegaz" - Vegane Mahlzeiten aus Rothenklempenow

NDR Info - Aktuell -

Immer mehr junge Menschen kehren aus der Großstadt zurück ins Dorf, um dort zu arbeiten. Das Start-up "LunchVegaz" kocht Fertiggerichte für hippe Großstädter.

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Land und Gemeinde unterstützen finanziell

Der Anstoß, die Produktionsstätte im Gutshaus Rothenklempenow aufzubauen, kam von ihren Eltern, erzählt Geschäftsführer Govinda Thaler: "Dann habe ich mir das angeguckt, mich mit dem Bürgermeister getroffen, und die waren alle so hilfsbereit. Und dann haben wir uns die Küche angeguckt. Er hat gesagt, was wir verändern müssen. Die haben sich so gefreut, dass jemand aus dem Nachbardorf kommt, Pläne hat, dass ich mich so abgeholt und so unterstützt gefühlt habe."

Der 34-Jährige hatte zuvor zehn Jahre lang ein Catering-Unternehmen mit Freunden in Berlin. Doch das, was sie hier auf dem Dorf aufgebaut haben, wäre für ihn in der Großstadt undenkbar gewesen. Die Gemeinde vermietet ihnen die Räume in der ehemaligen Brennerei des Gut-Ensembles zu einem kleinen Preis. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat sie bei der Anschaffung von Maschinen und Anlagen mit 70.000 Euro unterstützt. Hinzu kommt der enge Kontakt zur ansässigen Biohöfegemeinschaft, die für sie Gemüse anbaut.

Dorfbewohner lernten geschmacklich umzudenken

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Die Gemeinde hat das Start-up die Räume in dem ehemaligen Gutshof günstig vermietet.

Doch wie kommt das exotisch-vegane Fertigessen aus den Automaten bei der Dorfbewohnern an? Immer mal wieder hat das Unternehmen die 630 Einwohner zu Probiertagen eingeladen, erzählt Anja Henschel. Bei LunchVegaz kümmert sie sich unter anderem um die Buchhaltung: "Der Pommer ist natürlich so: 'Ein schönes Stück Fleisch dazu, dann schmeckt's.' Aber mittlerweile sind sie doch positiv und merken, dass es ein vollwertiges Gericht ist und dass da nichts fehlt."     

Auch Nachbarn bedienen sich bei LunchVegaz

Von Rothenklempenow aus beliefert LunchVegaz Supermärkte in Deutschland, in den Niederlanden und bald auch in der Schweiz. Wer will, kann sich am Automaten in der Firma jeden Tag Essen holen. Davon machen die Nachbarn Gebrauch - darunter auch die Generation mit Rollator.

Bei der Namensgebung LunchVegaz spielten übrigens die Automaten die entscheidende Rolle, erklärt Chef Govinda Thaler: "Wir haben angefangen, in Automaten zu verkaufen, für Firmen, die keine Kantine haben. Und dieser Automat war der, bei dem alle gewinnen, im Vergleich zu Las Vegas, wo man Geld reinschmeißt und nie weiß, was passiert, gewinnt man immer. Denn man bekommt immer Essen heraus und wir als Firma gewinnen auch, weil wir damit Geld verdienen."

Weitere Unternehmen ziehen nach

Von den Erfahrungen, die das junge Unternehmen in den vergangenen Jahren gemacht hat, profitieren jetzt auch andere im Dorf. So hat sich eine Firma angesiedelt, die aus Mais der Region Tortillas produziert. Unter dem Oberbegriff "Campus Rothenklempenow" wollen sie gemeinsam die Werbetrommel rühren - für ihre Heimat, Bio-Produkte und einen Ort, der wieder wächst, der jetzt dabei ist, neues Bauland zu erschließen.

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NDR Info | 10.07.2019 | 07:50 Uhr