Stand: 16.01.2019 16:42 Uhr

Pro und Kontra: Soll die EU den Briten entgegenkommen?

Das britische Parlament hat am Dienstagabend mit großer Mehrheit gegen den von Premierministerin Theresa May ausgehandelten Brexit-Deal gestimmt. Damit scheint ein ungeordnetes Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union unausweichlich - und das eigentlich bereits zum 29. März. Sollte die EU den Briten noch weiter entgegenkommen oder ist die Zeit der Zugeständnisse nur vorbei? Die ARD-Korrespondenten Holger Romann und Stephan Ueberbach aus dem Studio Brüssel haben unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns gerne - unten auf dieser Seite im Kommentarfeld.

Pro

"Auch in der Politik, zumal in der europäischen, gibt es so etwas wie unterlassene Hilfeleistung", meint Holger Romann.

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Holger Romann schätzt Kosten und Gefahren eines "No Deals" als zu hoch ein.

Den Briten nach alledem noch einmal entgegenkommen? Zugegeben: Das wird nicht einfach. Allerdings aus Enttäuschung oder Wut jetzt einfach auf stur zu schalten und vom Straßenrand aus zuzusehen, wie ein ganzes Land in sein Verderben rast, das kann es doch wohl auch nicht sein. Auch in der Politik, zumal in der europäischen, gibt es so etwas wie unterlassene Hilfeleistung. 

Aber auch aus purem Eigennutz sollte die EU nichts unversucht lassen, um einen "schmutzigen Brexit" zu verhindern, der mit Theresa Mays Niederlage ein ganzes Stück näher gerückt ist. Zu hoch wären die Kosten eines "No Deals" für Wirtschaft und Gesellschaft und zu groß die Gefahr, dass die Rückkehr der Grenzposten auf der irischen Insel Hass und Gewalt aus finstersten Bürgerkriegszeiten wieder aufleben lässt. 

Michel Barnier, der leidgeprüfte, aber stets umsichtige Chef-Verhandler der EU, hat das erkannt. Für den Franzosen hat ein geordneter Brexit weiter "absoluten Vorrang", wie er sagt. Und er ist bereit, die Gespräche mit den Briten wieder aufzunehmen.  

Sinnvoll wäre ein solcher Schritt freilich nur, wenn sich auch die Briten bewegen und endlich sagen, was sie wirklich wollen. In London sollte man spätestens jetzt erkennen: Die Zeit des Taktierens und des Fantasierens ist vorbei.

Kontra

"Mehr Zugeständnisse kann es nicht geben. Großbritannien ist ganz offensichtlich unregierbar", meint Stephan Ueberbach.

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Europa darf sich nicht erpressen lassen, meint Stephan Ueberbach.

Das darf doch wohl nicht wahr sein: Da jubelt Boris Johnson die krachende Niederlage von Theresa May zu einer großen Chance hoch - weil London die EU jetzt so richtig unter Druck setzen kann und Brüssel aus Angst vor einem Chaos-Brexit alles tun wird, um den Briten entgegenzukommen.

Ausgerechnet Boris Johnson, der die Lug- und Trug-Kampagne der Brexit-Fans mit falschen Versprechungen befeuert und seiner Regierung immer wieder in die Kniekehlen getreten hat. Es ist nicht zu fassen. Was für eine Anmaßung. Was für ein Realitätsverlust.

Zwei Jahre ist verhandelt worden. Der Vertrag liegt auf dem Tisch. Beide Seiten haben Kompromisse gemacht. Mehr Zugeständnisse kann es nicht geben. Großbritannien ist ganz offensichtlich unregierbar. Deshalb hat das Land jetzt die Konsequenzen zu tragen.

Ja, ein wilder Brexit schadet auch der EU. Am meisten allerdings werden die Leute leiden, die Boris Johnson und Konsorten auf den Leim gegangen sind. Es ist schade, dass die Briten gehen. Aber Europa darf sich nicht erpressen lassen. Dieses unwürdige Gezerre muss ein Ende haben. Und wenn es ein Ende mit Schrecken ist.

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NDR Info | Kommentar | 16.01.2019 | 17:08 Uhr