Stand: 15.01.2019 09:48 Uhr

Nix zu Lachen - Briten in Deutschland und der Brexit

von Kai Küstner, NDR Info
Bild vergrößern
Der in Deutschland lebende britische Kabarettist Mark Lyndon nimmt den Brexit mit Humor.

Darf man über den Brexit Witze machen? Dies ist eine Frage, die der Kabarettist Mark Lyndon für sich eindeutig mit einem Ja beantwortet. Seinem deutschen Publikum allerdings bleibt bei dem Thema eher das Lachen im Hals stecken. Das klinge furchtbar sarkastisch für die Deutschen, meint Lyndon: "Die sagen: 'Herr Lyndon, Sie können doch darüber keine Witze machen. Da geht es um Schicksale. Und die wirtschaftlichen Folgen!' Da merkte ich, das wird anders aufgenommen hier."

Am Tag des EU-Austritts einfach im Bett bleiben

Aber wer, wenn nicht Lyndon, hätte dies eigentlich ahnen müssen: Schließlich lebt er seit mehr als 35 Jahren in Deutschland und verdient hier sein Geld mit humorvollen Einblicken in die deutsche und die britische Seele. Beim Thema Brexit aber bewahrheitet sich aus Lyndons Sicht ein Satz des ehemaligen Premiers Winston Churchill: Der Ärmelkanal, befand der einst, sei kein Wasserweg, sondern eine Weltanschauung. "Die Deutschen sagen: 'Das wird eine Katastrophe! Wie retten die Briten ihren Hals?' Dann sagen die Engländer: 'You know what: I'll just stay in bed on the 29th.'," so die Sichtweise des Kabarettisten. Am 29. März, dem offiziell letzten Tag der Briten in der EU, einfach im Bett liegen bleiben: In der Theorie mag das eine elegante Lösung sein.

Lyndon besitzt nun britische und deutsche Staatsbürgerschaft

Aber der 58-jährige Lyndon weiß natürlich um die Folgen, sollte der hammerharte Brexit tatsächlich eintreten, also das Königreich am 30. März ohne Austrittsvertrag wach werden. Genau wie viele seiner Freunde hatte der Schauspieler daher auch bereits kurz nach dem Brexit-Referendum 2016 vorgesorgt: "Danach waren wir alle ein bisschen baff. Wir waren alle verunsichert. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte auf jeden Fall hier bleiben." Der Wahl-Hamburger ist heute stolzer Besitzer sowohl der britischen als auch der deutschen Staatsbürgerschaft. Er verabscheut es, in irgendeine Schublade gepackt zu werden, fühlt sich weder in der mit der Aufschrift "Brexit-Befürworter" noch in der mit dem Etikett "Bitte Bleiben" wohl.

Bild vergrößern
Der deutsch-britische Ladenbesitzer Alexander Kittel sorgt mit Hamsterkäufen vor.
Viele Unternehmen sind schlecht vorbereitet

Beim deutsch-britischen Geschäftsmann Alexander Kittel ist das anders, seine Meinung zum EU-Ausstieg eindeutig: "Ich kann es nicht nachvollziehen, weil es komplett dem widerspricht, was ich mein ganzes Leben gelebt habe: Ich habe meine englische Welt und meine deutsche Welt und war immer Vermittler zwischen beiden Welten. Es ist nicht etwas, das in meinen Genen liegt.“

Der junge Mann mit einer Mutter aus London und einem Vater aus München betreibt in Hamburg einen Laden, in dem er fast ausschließlich britische Waren verkauft: von der Pflegelotion übers Porzellangeschirr bis hin zum Pflaumen-Chutney. Kittel sorgt sich vor allem um seine Geschäftspartner auf der Insel: "Die meisten Unternehmen, mit denen ich spreche, sind gar nicht darauf vorbereitet. Die verlassen sich darauf, dass ihre Regierung etwas fabrizieren wird, was einen harten Brexit vermeidet."     

Sicherheitshalber noch mal Lager füllen

In einem Monat will der Mann mit dem modischen Vollbart vorsorglich in England auf Einkaufstour gehen, um seine Lager wenigstens fürs nächste halbe Jahr zu füllen. Was dann kommt, weiß niemand, und was der Brexit für Kittels Laden bedeutet auch nicht. Der Deutsch-Brite, der in zwei Welten zu Hause ist, verstand selbige nicht mehr, seit seine Landsleute für den EU-Ausstieg stimmten: "Ich habe tatsächlich in der Zeit des Referendums meinen Laden eröffnet und war sehr verblüfft ob des Ausgangs, weil ich eher keine Menschen kenne, die den Brexit unterstützen, auch in England nicht. Das hat mich kalt erwischt."

Deutsch-britische Freundschaft wird Brexit verkraften

Jetzt erst recht, dachte sich Kittel. Ein Motto, das für ihn nach wie vor gilt. Bei allen Unwägbarkeiten, die da lauern - in einem ist sich Geschäftsmann Kittel mit Kabarettist Lyndon einig: Irgendwie wird die deutsch-britische Freundschaft den  Brexit schon verkraften.

Weitere Informationen

Brexit gleich Exit für britische Beamte?

Für Briten, die in Deutschland verbeamtet sind, könnte ein ungeordneter EU-Austritt ihres Heimatlandes den Jobverlust bedeuten. Doch es gibt Möglichkeiten, weiter Beamter zu bleiben. mehr

Brexit: Niedersachsens Wirtschaft in Sorge

Am Dienstag stimmt das britische Unterhaus über den Brexit-Vertrag ab. Vor allem ein sogenannter harter Brexit ohne Regelwerk würde Niedersachsens Unternehmen empfindlich treffen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 15.01.2019 | 07:20 Uhr