Stand: 26.02.2020 05:00 Uhr

Azubi-Serie: Evjes Zukunft ist die Landwirtschaft

Fünf Autoren begleiten fünf Auszubildende in fünf Branchen: In einer langfristig angelegten Serie berichtet NDR Schleswig-Holstein über junge Menschen, die ins Berufsleben starten. Mitten im zweiten Jahr ziehen die Auszubildenden im vierten Teil der Serie Bilanz.

Evje Wieck läuft wie immer fröhlich und in Gummistiefeln über den Hof. Vor einem halben Jahr hat sie – wie es in der Landwirtschaft üblich ist – den Ausbildungshof gewechselt. Inzwischen hat sie sich auf Hof Holling in Osterstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) richtig gut eingelebt. Ihr erstes Jahr hatte die 19-Jährige auf einem Bio-Hof in Nordfriesland verbracht. Jetzt lernt sie auf einem konventionellen Milchviehbetrieb. Evje vergleicht: "Es ist ein bisschen was anderes, aber die grundsätzlichen Aufgaben sind gleich. Einstreuen, Kühe melken, ausmisten." Auf dem Bio-Hof durften sie keinen chemischen Dünger einsetzten, das ist nun anders. Aber sie beobachtet: "Auch im konventionellen Bereich wird immer mehr auf Nachhaltigkeit und Tierwohl geachtet." Deswegen lernt der Sohn des Chefs nächstes Jahr auf dem Bio-Betrieb, wo Evje vergangenes Jahr war, erzählt sie.

Kälber werden meist von Evje versorgt

Dass es den Tieren gut geht, sei auch in ihrem jetzigen Betrieb das A und O, sagt Evje: "Nur eine gesunde und glückliche Kuh gibt Milch." Und das ist für einen Milchviehbetrieb natürlich das Wichtigste. Etwa 20 ganz kleine Kälber wachsen auf Hof Holling gerade heran. Sie sind noch so jung, dass sie in sogenannten Kälberiglos leben. Meistens kümmert sich Evje um sie. Neben ihr lernen noch drei Jungs auf dem Hof und eigentlich wechseln die Dienste wochenweise. "Aber wir sind ein bisschen darauf umgestiegen, dass jeder seinen Präferenzen nachgeht. Deswegen mache ich die Kälber in meiner Stalldienstwoche mit und auch abends in meiner Melkwoche. Also drei von vier Wochen hab ich sie im Blick." Evje lächelt und ihr ist deutlich anzumerken, dass ihr das auch sehr recht ist: "Die Jungs machen es auch ordentlich, aber wenn ich sie eine Woche nicht hatte, dann ist man fast ein bisschen raus und dann bin ich froh, wenn ich wieder da bin und das regeln kann, wie ich das gerne möchte." Evje wirkt selbstbewusst, im Umgang mit den kleinen Kälbern hat sie inzwischen ja auch schon viel Erfahrung.

Wunsch nach Besamungslehrgang wurde erfüllt

Kühe sind ohnehin Evjes Steckenpferd. Sie zu versorgen, sich zu kümmern und alles im Blick zu haben, macht ihr am meisten Freude. Die brünstigen Kühe werden auf Hof Holling regelmäßig besamt. Denn nur wenn sie regelmäßig Kälbchen bekommen - geben sie Milch. Seit Evje ihre Ausbildung begonnen hat, sprach sie davon, dass sie einen Besamungslehrgang machen will. Der Lehrgang ist vorgeschrieben, aber nicht Teil der Ausbildung. Doch Evje hatte Glück. Ihr Chef Sönke Holling ließ sie im Herbst den Schein machen, berichtet sie glücklich: "Das ist auf jeden Fall cool, dass ich das gemacht habe. Ich bin auch ziemlich stolz drauf , muss ich sagen, dass ich den Schein habe. Und das Sönke mir das ermöglicht hat, da bin ich ihm sehr dankbar."

Sperma wartet schockgefroren auf den Einsatz

Rund ein Dutzend Kühe hat Evje inzwischen künstlich befruchtet. "Das ist echt noch nicht viel, aber ich hab den besten Index: 1,7, damit kann ich die Jungs schon ein bisschen ärgern." Sie grinst bis über beide Ohren. Mehr als jede zweite Kuh, die sie besamt hat, wurde trächtig. Aber sie räumt gleich bescheiden ein: "Naja, das wird sich schon noch ändern, wenn ich das häufiger mache." Und darauf braucht sie nicht lang warten – denn schon steht ihre nächste Besamung an. In einem winzigen büroähnlichen Raum im Kuhstall lagert das Sperma – schockgefrostet. Die Jungs auf dem Hof, haben die Büroecke "Love Box" genannt. An der Wand hängt eine Tafel, auf der genau verzeichnet ist, welche Kuh, wann dran ist. Sie muss mitten in der Brunst sein, um besamt werden zu können. Evje weiß genau Bescheid und erklärt: "Die jüngeren Kühe sollen wieder Milchkühe bekommen. Dabei wird sogenanntes gesextes Sperma verwendet, das heißt, dass sie zu 90 Prozent ein weibliches Kalb bekommen." Genau so eine Befruchtung steht heute an. Evje erwärmt das Sperma und schneidet das kleine Plastikröhrchen am Ende auf. Dann steckt sie es in eine lange Spritze und los geht's zur Kuh, die es bekommen soll.

Kuhfladen stören die 19-Jährige überhaupt nicht

Evje zieht einen bis fast zur Schulter reichenden, orangefarbenen, Plastikhandschuh über ihren linken Arm. Dann wird es ernst. Sie stellt sich auf eine umgedrehte Getränkekiste hinter die Kuh und erklärt, was sie macht: "Ich räume erst mal den Kot aus dem Enddarm, damit ich über die Darmwand den Gebärmutterhals fühlen kann." Dicke Kuhfladen fallen dampfend neben ihr zu Boden. Evje scheint das überhaupt nicht zu stören: "Nein, ich finde das tatsächlich nicht ekelig. Mit den Tieren zu arbeiten und ich sage jetzt einfach mal, in der Scheiße zu wühlen, das finde ich nicht schlimm." Sie tastet also mit der linken Hand weiter nach dem Gebärmutterhals, während sie mit der rechten Hand die lange, dünne Spritze mit dem Sperma, in die Kuh-Vagina einführt: "Der Gebärmutterhals ist wie so ein Schlauch und den hab ich jetzt auch schon gefunden. Man fühlt das ziemlich gut tatsächlich." Fünf Minuten später ist alles erledigt und das Sperma in der Kuh. Erleichtert sagt Evje: "Ich finde das immer sehr aufregend und dann wird es nochmal spannend, wenn geguckt wird, ob sie tatsächlich trächtig ist."

Föhr, Fitnessstudio oder Feierabendbier in der Freizeit

Evje macht sich schnell die Hände sauber und sieht auf die Uhr: "Heute muss ich etwas früher los, ich will die Fähre bekommen." Sie kommt von Föhr und etwa jedes zweite Wochenende besucht sie dort ihre Familie und Freunde. Unter der Woche ist nicht viel los, in Osterstedt, aber Evje meint: "Oft will man auch einfach nur ins Bett, aber klar, manchmal trinken wir noch ein Bier und einmal im Monat ist hier in der Nähe auch immer eine Party. Da bin ich öfter." Sie wirkt zufrieden - auch wenn sie sicher mehr Abendprogramm verkraften könnte. "Natürlich ist woanders mehr los, aber zwei mal in der Woche bin ich jetzt auch noch beim Sport. Ist schon alles ok so." Während der Arbeit verraten nur ihre Perlenohrringe, dass sie eine junge Frau mit gutem Stil ist. Aber für schicke Sachen ist ein Bauernhof natürlich der falsche Ort. Evje kann aber natürlich auch ganz anders: "Ich habe neulich erst ein Ballkleid gekauft. Für den Bauernball." Keine Sekunde würde man anzweifeln, dass sie auch in einem schicken Kleid authentisch und charmant wirkt.

Evje sieht ihre Zukunft in der Landwirtschaft

Für Evje steht völlig außer Frage, dass sie mit ihrer Ausbildung die richtige Wahl getroffen hat. Im Sommer ist sie fertig und einerseits freut sie sich, dass dann auch die Berufsschule vorbei ist. Die mag sie nämlich nicht so gerne. Sie legt den Kopf schräg: "Andererseits genieße ich die Zeit hier sehr. Es ist wirklich das, was ich machen möchte und ich sehe in der Landwirtschaft auch meine Zukunft." Nach der Ausbildung will Evje gerne nach Kanada oder Amerika auf einen Milchviehbetrieb. Und dann eventuell noch ein Studium dranhängen. Aber egal wohin sie ihr beruflicher Weg führt – Kühe werden immer eine große Rolle in ihrem Arbeitsleben spielen.

Weitere Informationen
Die fünf Auszubildenen Mohammad Berri, Sarah Kragge, Kevin Meier, Evje Wieck und Niklas Hohmann. © NDR Foto: Hauke von Hallern/Kai Salander/Robert Tschuschke/Cassandra Arden/Lisa Pandelaki

"Meine Ausbildung in SH": Die ersten Monate

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 26.02.2020 | 20:05 Uhr