Stand: 18.01.2020 11:19 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Boostedt: Kinder lernen für eine ungewisse Zukunft

In der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt bei Neumünster leben im Moment rund 400 Menschen. Darunter viele Familien. Für Dutzende Kinder ist die Landesunterkunft aktuell ihr Zuhause. Die Schule auf dem Gelände ist die Außenstelle der Grund- und Gemeinschaftsschule Boostedt. Eine Handvoll Lehrer unterrichten hier die rund 50 Schüler. Michaela Kühl ist seit zwei Jahren hier Lehrerin, Ansprechpartnerin und Bezugsperson. Sie runzelt die Stirn und erklärt: "Ich glaube, ein großer Unterschied zu 'normalen' Grundschulen ist: Wir nehmen hier sehr viel Abschied." Die Kinder seien manchmal nur zwei Wochen da, andere seien schon länger als ein Jahr hier, erklärt sie.

Schulunterricht in der Landesunterkunft für Flüchtlinge

Deutsch lernen steht im Vordergrund

Von außen sieht die Schule aus wie jede andere auch. In vielen Fenstern hängen selbstgebastelte Kerzen. Erst an der Eingangstür bemerkt man erste Unterschiede. So wird man in vielen verschiedenen Sprachen begrüßt. Michaela Kühl öffnet die Tür zu ihrem Klassenraum. An allen Gegenständen hängen die deutschen Begriffe dafür. An der Tafel finden sich Wettersymbole und Wörter, aus denen man den Wetterbericht schreiben könnte. Das sei ein morgendliches Ritual, erklärt Michaela Kühl. "Jeden Morgen schreibt erst jemand das Datum an die Tafel. So werden die Monate direkt gelernt - und dann sprechen wir darüber, was für ein Wetter ist." In erster Linie geht es darum, dass die Kinder Deutsch lernen. "Wir machen auch Kunst, Mathe, Sport und manchmal Sachkunde, aber der Fokus liegt klar darauf, die deutsche Sprache zu lernen."

Immer wieder müssen Freunde verabschiedet werden

Anders als an anderen Grundschulen wiederholt sich der Stoff für die Lehrer nicht alle vier Jahre, sondern viel schneller - einfach weil die Kinder nicht so lange bleiben. Karim ist seit etwa einem halben Jahr in der Landesunterkunft. "Ich mag schreiben und lesen, aber auch Sport, Mathe und Kunst." - Also eigentlich alle Fächer, die unterrichtet werden. In der Pause und nach der Schule spiele er mit seinen Freunden Fußball, Badminton oder Verstecken, erzählt der 13-jährige Junge aus Armenien fröhlich. Dann aber wird sein Blick traurig und er sagt: "Ich habe schon ein paar Freunde gehabt. Sechs oder sieben  Freunde hatte ich hier, aber die sind alle weg. Einer ist noch bei mir, der sitzt in der Klasse vor mir. Ich finde schon neue Freunde, aber es tut auch weh."

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Traumatische Ereignisse liegen hinter den Kindern

Einige Familien werden auf das Umland verteilt, andere müssen zurück in ihre Heimat, wieder andere müssen wegen des Dublin-Abkommens in ein anderes Land, weil sie dort registriert wurden und nicht in Deutschland. So sieht Michaela Kühl viele Kinder kommen und gehen. Jedes Kind mit einem eigenen, zum Teil sehr traurigen Schicksal. Einmal hat ihr ein Junge nebenbei in der Schulstunde erzählt, seine alte Schule sei durch eine Bombe zerstört worden. An diesem Tag habe er auch seinen Vater verloren. Lehrerin Kühl erinnert sich gut an den Jungen: "Zu ihm hatte ich ein sehr inniges Verhältnis. Eines Tages war er einfach weg. Ich hab einige Tage später erfahren, dass er im Kirchenasyl ist. Einige Wochen danach tippte er mir auf die Schulter und sagte 'Ich bin wieder da.'" Michaela Kühl steht ins Gesicht geschrieben, wie gerührt sie in diesem Moment war. Inzwischen lebe die Familie des Jungen in Schleswig-Holstein, berichtet sie erleichtert.

Beliebt im Musikunterricht: "Das Rote Pferd"

Man kann nur erahnen, was hinter diesen noch so kleinen Menschen liegt. Umso faszinierender ist es, wie fröhlich die Kinder in der Pause zusammen Fußball oder Badminton spielen. Im Musik-Unterricht wünscht sich ein Junge "In der Weihnachtsbäckerei". Die Lehrerin erklärt, dass Weihnachten nun vorbei ist und der Junge ist mit "Das Rote Pferd" zufrieden. Ein Dutzend Kinder mit den verschiedensten Geschichten und Erlebnissen klatschen vergnügt zu einem Lied, das sonst nur auf Schlagerpartys Fans hat. Michaela Kühl guckt zu und flüstert: "Jetzt hab ich wieder den ganzen Tag einen Ohrwurm. Aber für die Kinder ist der Song super, sie lernen wieder neue Wörter und die prägen sich durchs Singen umso besser ein." Ein kleines Mädchen in der zweiten Reihe strahlt über beide Ohren.

Geschichten werden auch mit nach Hause genommen

Kühl überlegt kurz und sagt dann: "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht auch Geschichten mit nach Hause nehme. Viele Kinder sind traumatisiert und ich weiß nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird, wo sie in einem Monat sind. Aber ich kann das nicht ändern, also muss ich es akzeptieren." Sie und ihre Kollegen wollen den Kindern, so lange sie da sind, so viel wie möglich mitgeben. "Wir versuchen, dass es ihnen gut geht, dass sie was lernen, dass sie von uns auch ein Stück Sicherheit mit auf ihren Weg bekommen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 15.01.2020 | 20:05 Uhr