Manuela Latchinian steht auf dem Treppenabsatz des Hinterausgangs der Notunterkunft in Wismar. Für das Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg leitet sie die Einrichtung © frei für NDR Foto: Thomas Naedler

Hygienepäckchen für Menschen ohne Wohnung

Stand: 02.12.2020 09:17 Uhr

Zehn Frauen und Männer ohne Wohnung leben derzeit in der Notunterkunft in Wismar - einige bleiben länger, andere nur eine Nacht. Gerade in der Corona-Krise wäre eine Hygiene-Grundausstattung für sie wichtig.

von Thomas Naedler

"Klar kommt er her, wir kriegen das schon hin." Manuela Latchinian legt das Telefon beiseite. Sie ist die Chefin hier. Anrufe wie dieser sind Alltag in der Notunterkunft in Wismar. Das Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg kümmert sich in einer grauen Stadtvilla nicht weit entfernt vom Zentrum um diejenigen, die nicht wissen, wohin. Derzeit sind es zehn - einige finden allein den Weg hierher, andere werden, wie jetzt gerade am Telefon, vom Ordnungsamt der Stadt hergeschickt.

Wieder auf die Beine kommen

Im besten Fall können die Mitarbeiter in der Notunterkunft auch langfristig helfen: können ihren Klienten eine Arbeit, eine Wohnung vermitteln, können sie unterstützen beim langen Weg von der Straße zurück in ein geregelteres Leben. Es gibt unter dem Dach die sogenannte "Arbeiter-Etage". Hier wohnen diejenigen, die bereits einen Job gefunden haben, so wie Florian D. Der 28-Jährige ist aus Sachsen an die Küste gekommen. Er erzählt seine Geschichte rauchend auf dem Treppenabsatz hinter dem Haus. Zunächst hatte Florian D. bei einem Bekannten gewohnt, doch der war rückfällig geworden, da haben sich ihre Wege getrennt. Chrystal Meth, die chemische Droge, hat Florian D. geprägt, im Gefängnis war er auch. "Computerbetrügereien", sagt er beiläufig. In einem zweiten Gerichtsverfahren, über das er nichts weiter verrät, ist er mit Bewährung davongekommen, eine Therapie folgte. Jetzt arbeitet Florian D. in einer Zeitarbeitsfirma, die ihn vor allem in den Verteilzentren der großen Paketzusteller einsetzt. Die nächsten Ziele des 28-Jährigen: Führerschein machen, selbst Pakete ausfahren, eine eigene Wohnung finden.

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Hygiene-Ausstattung bleibt Privatsache

"Gerade für diejenigen, die hierherkommen, wäre eine Art Corona-Grundausstattung nötig", sagt Manuela Latchinian. "Oft tragen unsere Bewohner Masken, die schon Wochen alt und völlig verdreckt sind, es fehlt an Handschuhen und Desinfektionsmittel." Ein Budget für diese Dinge hat das Haus nicht, von Amts wegen ist Hygiene Privatsache, müsste von der Grundsicherung bezahlt werden, die ja auch Menschen ohne festen Wohnsitz zusteht. Doch Manuela Latchinian, die Leiterin der Notunterkunft, ist realistisch: "Wer einige Zeit auf der Straße lebt, hat andere Prioritäten."

Spenden helfen - auch wenn die Weihnachtsfeier anders ausfällt

Auf einmal kommt Bewegung ins Haus, Treppenstufen knarren, Türen klappern, aus der Gemeinschaftsküche kommen Männer und Frauen, um beim Ausladen zu helfen: Aus einem Kleinwagen holen sie Bettwäsche und Kleidung, Süßigkeiten und Weihnachtsschmuck. Eine Spende von Unternehmern und Gewerbetreibenden aus der Stadt. Normalerweise feiern sie hier Weihnachten alle gemeinsam, die Mitarbeiter und die Bewohner der Notunterkunft, doch wegen der Pandemie geht das in diesem Jahr nicht. Also werden Manuela Latchinian und ihre Kollegen nur den Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche füllen, mit allem, was eine Weihnachtsfeier zu einem Fest macht. Das bezahlen sie aus eigener Tasche. Dabei sein aber können sie nicht, das wäre nicht vereinbar mit den Corona-Regeln im Haus.

Florians letztes Weihnachtsfest in der Notunterkunft

Florian D. wollte Weihnachten eigentlich schon in einer eigenen Wohnung feiern. Er hatte bereits eine in Aussicht, doch kurzfristig hatte der Vermieter abgesagt. Er müsse die Wohnung erst herrichten, das dauert. Für Florian D. beginnt nun die Suche von Neuem. Er fürchtet, der Vermieter habe nur eine Ausflucht gesucht, nachdem er gehört hatte, sein neuer Mieter komme aus der Notunterkunft. Doch entmutigen lässt sich der 28-Jährige nicht: "Ich bin da aus Sachsen ganz anderes gewöhnt, mit sechs, mit sieben Leuten in einem kleinen Zimmer, dagegen ist das hier die reine Wohlfahrt, fast schon ein Hotel, und die Leute hier sind ja nett, die Mitarbeiter auch", sagt er und zündet sich noch eine Zigarette an. Außerdem bedeute ihm Weihnachten nicht mehr viel, er wünsche sich nur, dass das mit Corona endlich vorbei ist. Heute wird Florian D. noch Wäsche waschen, vielleicht etwas fernsehen. Die Mitarbeiter richten derweil das Notzimmer her. Für den Neuen, den Gestrandeten, den das Ordnungsamt angekündigt hat. Im Zweifelsfall rücken sie hier zusammen. In jeder Hinsicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.12.2020 | 16:10 Uhr

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