Caritas-Sozialarbeiter Julien Thiele spricht mit einem Obdachlosen  Foto: Caritas

"Straßenvisite": Hilfe für obdachlose Menschen

Stand: 04.12.2020 11:49 Uhr

Obdachlose Menschen fallen in Hamburg häufig durchs Raster. Die "Straßenvisite" der Caritas hilft Betroffenen hier niedrigschwellig und auf Augenhöhe.

von Susanne Roehse

Viele erkennen ihn auf der Straße, wenn Julien Thiele seine Runde macht - stets dabei sein knallroter Rucksack mit der weißen Aufschrift "Straßenvisite Caritas". Ihn zieht es immer zu denselben Orten - von der Langen Reihe in St. Georg hinüber zum Hauptbahnhof und von dort bis hin zum Michel.

Drei Personen stehen in der Hamburger Innenstadt und sind im Gespräch: Links eine Psychiaterin, in der Mitte - mit Rücken zur Kamera - ein Straßensozialarbeiter, rechts eine ehemals Obdachlose aus Hamburg.

AUDIO: Straßenvisite der Caritas in Hamburg (3 Min)

Julien Thiele, ein Straßensozialarbeiter der Caritas, blickt von links nach rechts ins Bild und lächelt.
Der Straßensozialarbeiter Julien Thiele hilft im Rahmen der "Straßenvisite" obdachlosen Menschen in Hamburg.

"In der Regel soll Straßensozialarbeit Menschen auf der Straße ansprechen, Kontakt aufbauen und sie bestmöglich in weitergehende Hilfen vermitteln. Wir können Empfehlungen aussprechen. Wir können schauen, dass wir Hürden minimieren, um ein Angebot anzunehmen. Aber im Endeffekt regeln wir überhaupt gar nichts, ohne das mit den Menschen zu besprechen und den Auftrag zu erhalten", erzählt Julien Thiele.

Zeit und Geduld: Hilfe auf Augenhöhe

Drei bis vier Stunden pro Tag streift Julien Thiele durch die Innenstadt. Um ungefähr 60 obdachlose Menschen kümmert er sich aktuell. Wen er antrifft, weiß er vorher nie so genau - täglich muss er sich auf neue Situationen einstellen. "Wir gehen raus und schauen, was auf uns zukommt. Und manchmal treffen wir Menschen an, die wir schon länger nicht mehr gesehen haben. Dann passen wir uns eben an und knüpfen bei dem Hilfeverlauf an, der vor einem Monat endete", erzählt Thiele und spricht mit einer jungen Frau, die am Eingang eines Kaufhauses in der Mönckebergstraße sitzt. Es geht um eine womögliche Postadresse, darum, dass sie sich jederzeit melden könne, Hilfe bekäme. "Wir sind sehr zurückhaltend, schließlich laden wir uns am Ende selbst ein. Dosierte Regelmäßigkeit und die Zuverlässigkeit helfen, um Vertrauen aufzubauen, was zu einer guten Arbeitsbeziehung führt." 

Corona: Betroffene und ihre Probleme noch unsichtbarer

Die "Straßenvisite" von Julien Thiele wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Mit der Corona-Pandemie sei es noch schwieriger geworden, sich den Menschen zu nähern. Der Straßensozialarbeiter merke, dass die Menschen auf der Straße in noch größere Versorgungsnot geraten sind. "Viele Einrichtungen oder Angebote haben geschlossen oder sind nur noch eingeschränkt möglich. Den Menschen bleibt nur noch übrig, sich an die Straßensozialarbeit zu wenden, weil wir eben greifbar sind."

Doch seine Arbeit habe Grenzen: "Häufig können wir uns die Sorgen nur noch anhören, können vielleicht einen Lebensmittelgutschein geben. Aber das ist alles nichts, was die Menschen vorm Tod auf der Straße rettet", sagt er.

Dieses Thema im Programm:

Treffpunkt Hamburg | 30.11.2020 | 20:20 Uhr

NDR Benefizaktion