Stand: 06.12.2018 17:19 Uhr

Konfliktpotenzial: Das Thema Demenz in Filmen

von Hartwig Tegeler
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Julianne Moore als Dr. Alice Howland in dem Drama "Still Alice" von 2014.

Die Darstellung einer Kranken oder eines Behinderten ist im Kino ein Selbstgänger und bleibt doch ambivalent. Aufmerksamkeit und Betroffenheit sind solchen Darstellungen gewiss, aber die Gefahr des Überspielens ist auch immer da. Nicht anders ist das bei der Darstellung von Demenz im Kino. Ja, es gibt die Gefahr, aber es gibt auch einige großartige Filme, die in den Kern der Krankheit und unseres Umgangs mit der Demenz hineingehen.

Reflektieren und Erleben

Die Linguistin, die Julianne Moore in "Still Alice" spielt, beginnt mit 50 an Alzheimer zu erkranken.

"Wir wirken auf einmal lächerlich, inkompetent, komisch. Aber das alles sind wir nicht, das ist unsere Krankheit." Zitat aus "Still Alice"

Doch diese klaren Sätze tragen trotzdem enormes Konfliktpotenzial in den Demenz-Filmen. Denn das bewusste Reflektieren ist das eine - das Erleben das andere. Alice beschreibt die Verzweiflung:

"Wer nimmt uns ernst, wenn der Mensch, der wir einst waren, sich immer weiter entfernt?" Zitat aus "Still Alice"

In Sarah Polley Demenz-Film "An ihrer Seite" findet sich dafür ein eindrucksvolles Bild: Fiona, gespielt von Julie Christie, akzeptiert im Heim auch die anfängliche 30-tägige Besuchssperre. Eingewöhnung der Kranken ist die Absicht. Doch als Fionas Mann sie besucht, erkennt sie ihn nicht mehr. Auf seine Annäherungsversuche reagiert die Demenz-Kranke mit Panik. "An ihrer Seite" erzählt, wie ein anderer an die Stelle des geliebten Menschen getreten ist.

Die Perspektive der Kinder

Was nun ist schlimmer? Dieses Verschwinden der geliebten Person oder das Aufbrechen alter Familienkonflikte, wenn der Vater dement wird. Der alte Mr. Savage war immer ein Kotzbrocken - und ist es auch als Kranker:

"Was ist denn das für ein Scheiß-Hotel? - Dad, das ist kein Hotel, das ist ein Pflegeheim." Zitat aus "Die Geschwister Savage"

Tamara Jenkins' Film "Die Geschwister Savage" nimmt die Perspektive der erwachsenen Kinder ein.

"Wirst du brav sein, Dad? Sonst wirst du nicht losgebunden." Zitat aus "Die Geschwister Savage"

Aber die mögliche Rache ist immer getränkt mit schlechtem Gewissen:

"Weil's hier nämlich nicht um Dad geht, sondern um dich. Du fühlst dich schuldig." Zitat aus "Die Geschwister Savage"

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Jean-Louis Trintignant als Georges in Michael Hanekes Drama "Liebe".
Die Verwandlung eines geliebten Menschen

Und dann die Frage, die uns alle bewegt - organisatorisch wie emotional: Heim- oder Hauspflege? Georges (Jean-Louis Trintignant) in Michael Hanekes Film "Liebe" - pflegt Anne (Emmanuelle Riva). Zwei alte Musikprofessoren. Es beginnt am Morgen nach dem Schubert-Konzert.

"Wo bist du denn? Du hast das Wasser laufen lassen. Anne, hör mit diesem Spiel auf. Das ist nicht komisch. - Welchem Spiel, mein Gott? Was ist los." Zitat aus "Liebe"

Im Zeitraffer der Verlauf: Schlaganfall, Rollstuhl, Bettlägerigkeit, Demenz, die immer stärker wird. Georges hält sein Lebensversprechen, Anne nicht ins Heim einzuliefern, doch irgendwann - wie es allen geht in der Realität, sagt uns die Statistik - kann er nicht mehr. Es ist weniger die körperliche Anstrengung, sondern die emotionale, dieser Verwandlung des geliebten Menschen in eine andere Person zuzuschauen.

Michael Haneke zeigt das Leid - für den Kranken, für die Angehörigen, für den pflegenden Ehemann -, aber er gönnt uns wenigstens fürs Kino eine Utopie in diesem Film über das Verschwinden, eine über den freien Willen am Ende des Lebens: gemeinsam gehen zu können. Deswegen heißt sein Demenz-Film "Liebe".

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.12.2018 | 06:40 Uhr