Stand: 09.12.2018 10:33 Uhr

In der Demenz gibt Altes und Vertrautes Halt

von Sebastian Parzanny

Porzellangeschirr, Spitzentischdecken, Schwarz-Weiß-Bilder: In der Musterwohnung des schleswig-holsteinischen Kompetenzzentrums Demenz in Norderstedt sieht es so aus wie in einer echten Seniorenwohnung. Das alles wurde mit gutem Grund aufgebaut. "Es soll deutlich machen, wie wichtig alte Dinge, in denen Erinnerungen stecken, für Menschen mit Demenz sind. Vertrautes sorgt für Orientierung", erklärt Antje Holst vom Kompetenzzentrum. Sogar alte Zeitungen aus den 60er-Jahren liegen auf den Tischen. Auch die Fotos an den Wänden sind alt. "Über sie kommt man super mit Demenzkranken ins Gespräch", weiß die Einrichtungsexpertin.

Mit der Demenz zu Hause wohnen

Einrichtung klassisch, Geräte modern

Seit 2012 gibt es die Musterwohnung des Kompetenzzentrums, das ein Projekt der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein ist. Sie soll zeigen, wie Menschen mit Demenz möglichst lange selbständig zu Hause wohnen bleiben können und wie kleine Veränderungen den Betroffenen Sicherheit und Orientierung verschaffen können. Bei der Technik ist Modernes erlaubt: In der Küche hängt ein kleines Gerät. Vergisst ein Demenzkranker die Herdplatten auszuschalten und wird die Umgebung zu heiß, schaltet dieser Taster den Herd ab. Im Schlafzimmer der Wohnung steht ein spezieller Sessel, der mit sanften Bewegungen und spezieller Musik dafür sorgen soll, dass sich die Erkrankten sicher fühlen. Doch auch kleine Dinge können helfen, zum Beispiel günstige Bewegungsmelder aus dem Baumarkt.

Es gibt Dinge, die für Demenzkranke gänzlich ungeeignet sind

Bei dem Rundgang durch die Wohnung zeigt Antje Holst allerdings auch, was gar nicht geht: "Schauen Sie mal auf dieses Muster, da wird uns gesunden Menschen ja schon schummrig, Demenzkranke können sogar Angst bekommen", sagt sie und zeigt auf eine 70er-Jahre-Tapete mit einem grellen, blauen Muster. Auch nicht geeignet seien Möbelstücke, die sich spiegeln, etwa Glastische. Demenzkranke könnten ihr eigenes Spiegelbild häufig nicht richtig erkennen und bekämen Angst, sagt Holst, und das gelte natürlich auch für Wandspiegel. Moderne, neue Möbelstücke sorgten außerdem häufig für Verwirrung: "Es geht nicht darum, dass es aus unserer Sicht schick ist, wir müssen uns eher in die Erkrankten reindenken", ergänzt die Einrichtungsexpertin.

Altes, Vertrautes gibt Halt

Reinhard Vossgrau vom Seniorenrat Schleswig-Holstein war kürzlich mit einer Gruppe Senioren in der Wohnung. Die Vorstellung, in der Zukunft vielleicht mit so vielen Dingen aus der Vergangenheit zu leben, löste bei einigen zunächst Unbehagen aus. "Wir hatten irgendwie Angst", sagten die Besucher. "Als uns dann erklärt wurde, dass Vertrautes und Altes Demenzkranken Halt gibt, haben wir verstanden, warum das so wichtig ist."

Betroffene und ihre Angehörigen, Menschen, die mit Demenzkranken arbeiten, und alle Interessierten können sich die Musterwohnung anschauen. Am Mittwoch, 12.12.2018, gibt es um 10 Uhr die nächste öffentliche Führung. Interessierte melden sich bitte vorher beim Kompetenzzentrum Demenz in Norderstedt an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 10.12.2018 | 07:30 Uhr