Stand: 05.12.2018 20:54 Uhr

Demenz: Eine Liebe, die sich verändert

von Christian Schepsmeier

Der Holzboden knarzt so laut, weil die Wohnung so still ist. Mitten in Eckernförde, mit Blick auf einen belebten Platz. Drei schwarze Notizkalender liegen vor Carsten Schmidt, voll mit dicht beschriebenen Seiten, schwer von Kugelschreibertinte. Der 77 Jahre alte Mann liest vor: "Ich gehe auf Hedda zu und spreche sie an, erfahre aber zunächst Ablehnung. Erst als ich beruhigend auf sie einspreche, löst sich ihre Spannung und schlägt in Erleichterung um. Ich habe ihr zwei neue Jeans mitgebracht, die ich ihr problemlos anziehen kann."

Ein älterer Herr streicht einer Dame über das Gesicht. © NDR

Wenn die Demenz in eine Ehe tritt

Schleswig-Holstein Magazin -

Fast jeden Tag besucht Carsten Schmidt seine Frau im Pflegeheim - seit drei Jahren. Obwohl Hedda Schmidt sich durch Demenz verändert hat, bleibt sie für ihn seine geliebte Frau.

4,68 bei 57 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Fast ein halbes Jahrhundert zusammen

Drei vollgeschriebene Kalender. Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit er seine demente Frau in ein Pflegeheim gegeben hat. Das Windspiel an der Tür, das so träumerisch klingt, das hat sie ausgesucht. Carsten ist seit fast 50 Jahren mit Hedda verheiratet: "Sie hat mir von vornherein ein Gefühl der Stärke vermittelt, wenn sie bei mir war", sagt er, bevor wir aufs Fahrrad steigen, um seine Frau zu besuchen. Er fährt die 20 Minuten zu ihr fast jeden Tag, vorbei an Feldern und Brombeerbüschen. Früher haben sie die Beeren zusammen gepflückt - und sie hat Saft daraus gemacht.

"Du musst nicht traurig sein"

Als Carsten im Pflegeheim ankommt, sitzt Hedda im Gemeinschaftsraum. Er nimmt ihre Hand, erzählt, dass er wieder mit dem Fahrrad gekommen ist. Sie grummelt, flucht, murmelt Unverständliches, dazwischen ein deutliches Wort "traurig". Daraufhin lächelt Carsten sie an: "Du musst nicht traurig sein." Hedda reagiert, schaut aufmerksam: "Nicht traurig sein?" Fünf Sekunden später fragt er: "Ist alles in Ordnung?" Und Hedda antwortet: "Ja." Sie murmelt jetzt beruhigter, hält seine Hand.

Ein Fremder für die eigene Frau

Hedda hat frontotemporale Demenz. Die Krankheit hat sie ihre Sprache verlieren lassen, extrem launenhaft werden lassen. Teile des Gehirns sind abgestorben oder falsch miteinander verbunden. Lange hat Carsten noch versucht, sie zu Hause zu pflegen. Er erinnert sich an eine Reise in die Provence: "Als ich morgens wach wurde, kam meine Frau auf mich zu und hat mich beschimpft. Ich solle bloß abhauen." Er war für sie zu einem Fremden geworden, erzählt er heute. "Das hat mich in eine Situation gebracht, in der ich am Ende war." Vor dreieinhalb Jahren hat er die Entscheidung getroffen, seine Frau in ein Pflegeheim zu geben.

Wenn die große Liebe zum Pflegefall wird

Sie ist seine Frau geblieben

An diesem sonnigen Juninachmittag schimpft Hedda nicht. Im Gegenteil. Sie geht Arm in Arm mit ihm zum Hühnerstall, der mit zum Pflegeheim gehört. Sie zählen die Hühner. "Sieben, da kommt noch ein kleines", sagt er, und sie ruft voll Freude: "Oooooh! Ein kleines." Er hält ihre Hand und lacht. "Die Krankheit schreitet voran, daran ist nichts zu ändern", sagt er später, "aber es kommt häufig so viel an Freundlichkeit durch, dass ich mir sage: Sie ist die geblieben, die sie immer gewesen ist."

Kurz vor dem Abendessen verabschiedet Carsten sich von seiner Frau. Als er gerade geht, setzt sich eine Pflegerin zu Hedda, um ihr beim Essen behilflich zu sein. Er sagt: "Es fällt mir viel leichter, zu ihr zu kommen, als von ihr zu gehen."

Eine neue Seite mit Erinnerungen

Wenig später sitzt Carsten an der Hafenpromenade in Eckernförde. Ein Junge fährt auf einem Roller vorbei, Liebespaare gehen Hand in Hand, er sitzt an einem Cafétisch. Carsten schreibt auf, wie der Tag mit seiner Frau war. Wieder eine neue Seite. Dann klappt er das Buch zu und blinzelt in die Abendsonne.

Weitere Informationen

Auszeit: Betreuter Urlaub für Demenzerkrankte

Allein mit einer an Demenz erkrankten Person in den Urlaub zu fahren, ist für viele Angehörige undenkbar. Die Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein macht es möglich. mehr

Alzheimer erkennen und behandeln

Wie unterscheidet man Alzheimer von normaler Vergesslichkeit? Wie hoch ist das Risiko, daran zu erkranken? Horst Hoof und Mandy Schmidt haben mit Swen Staack von der Alzheimer-Gesellschaft gesprochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 06.12.2018 | 14:20 Uhr