Stand: 04.12.2018 06:00 Uhr

Auszeit: Betreuter Urlaub für Demenzerkrankte

von Anina Pommerenke

"Tränen fließen oft. Aus Erschöpfung aber auch aus Trauer, weil der Partner nicht mehr der Mensch ist, den man einmal geheiratet hat", sagt Dagmar Wüstenberg. Sie sitzt im Frühstückssaal des Grömitzer Hotels Windspiel. Obwohl sie sich selbst gerade einen Kaffee gönnt, hat sie ihre Reisegruppe und den Saal die ganze Zeit im Blick. Wenn jemand Hilfe braucht, ist sie sofort zur Stelle. Sie weiß, wie wichtig diese eine Woche Urlaub im Jahr ist. Besonders für die Angehörigen der an Demenz erkrankten Mitreisenden. Sie können dank der Betreuung durch mehrere Ehrenamtliche und einer Ergotheraupeutin ein Stück der enormen Verantwortung abgeben, die sie rund um die Uhr bei der Pflege ihrer Angehörigen tragen.

"Viel Angst beim Umgang mit der Krankheit"

Besonders Angehörige haben die Auszeit nötig

Ohne das Angebot der Alzheimer Stiftung Schleswig-Holstein könnten viele Familien nicht mehr mit ihren erkrankten Angehörigen verreisen. "Das ist aber für die Beziehung wichtig, weil sonst nur noch die Krankheit im Vordergrund steht," berichtet Dagmar Wüstenberg. Auf den Reisen gehe es auch darum, noch einmal schöne gemeinsame Erinnerungen zu sammeln. Oftmals sei zu Hause auch große Einsamkeit angesagt, wenn der Partner erkrankt ist, weiß sie aus ihrer langjährigen Erfahrung. Der Austausch der Angehörigen untereinander sei daher extrem wichtig und hilfreich. Für die besonderen Bedürfnisse der Reisegruppe ist eine wochenlange, akribische Planung notwendig.

"Manche versuchen, nachts abzuhauen"

"Manche Menschen mit Demenz können einfach nichts im Rücken haben. Andere müssen den ganzen Raum überblicken. Manche versuchen, nachts abzuhauen." Egal welches Bedürfnis die Erkrankten haben, Dagmar Wüstenberg hat vorher alles mit dem Hotelbesitzer abgesprochen. Der hat sogar extra den Frühstückssaal umgeräumt, rot-weiße Warnaufkleber an den Stufen angebracht und ist auch auf sonstige Eventualitäten eingestellt. Dem Gast soll es nicht peinlich sein, wenn er mehr Handtücher braucht oder häufiger mal nach einem neuen Bettlaken fragen muss, als ein gesunder Gast. Viele Hotels nehmen Reisegruppen mit Demenzerkrankten wegen dieser besonderen Anforderungen gar nicht erst auf.

Dankbarkeit für aufopfernde Pflege der Ehefrau

Auch Anke und Hans-Joachim Helm aus Kaltenkirchen sitzen an diesem Morgen mit im Frühstückssaal. Sie haben schon mehrmals betreute Reisen für Demenzerkrankte mitgemacht. Auf den ersten Blick ist gar nicht zu erkennen, wer von beiden betroffen ist. "Mir geht es im Vergleich zu anderen auch noch ganz gut", räumt Herr Helm ein. Er langweile sich auf den Reisen, erzählt er. Am liebsten würde er zu Hause bleiben und lesen. Aber er weiß auch, dass er seiner Frau zuliebe hier ist und sie diesen Urlaub braucht. Er sei ihr unheimlich dankbar dafür, dass sie an seiner Seite stehe und sich so aufopfernd um ihn kümmere, sagt er in einem ganz klaren Moment des Gesprächs.

Wenn der Friseurbesuch zum Luxus wird

Einer Mitreisenden kann Dagmar Wüstenberg an diesem Vormittag einen ganz besonderen Wunsch erfüllen. Sie möchte einfach mal in Ruhe zum Friseur gehen. Was sonst alltäglich erscheint, wird auf einmal zum Luxusgut, wenn ein Angehöriger gepflegt werden muss. Für den Rest der Gruppe geht es in der Zwischenzeit in die Kirche zum Singen, denn besonders an Lieder aus ihrer Kindheit können sich die Erkrankten der Demenz zum Trotz gut erinnern. Schon auf dem Spaziergang zur Kirche ist die Stimmung ausgelassen. Alle Beteiligten genießen den gemeinsamen Ausflug durch Grömitz sichtlich. Schon beim ersten Orgelanschlag sind die Sorgen für einen kurzen Moment vergessen. Und die traurige Gewissheit, dass es für viele der letzte gemeinsame Urlaubstag mit ihrem Partner sein wird.

 

Weitere Informationen

Alzheimer erkennen und behandeln

Wie unterscheidet man Alzheimer von normaler Vergesslichkeit? Wie hoch ist das Risiko, daran zu erkranken? Horst Hoof und Mandy Schmidt haben mit Swen Staack von der Alzheimer-Gesellschaft gesprochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 04.12.2018 | 14:20 Uhr