Stand: 14.09.2014 16:00 Uhr  | Archiv

Im Stasi-Gefängnis: Vom Fluchthelfer zum Folteropfer

von Marie-Caroline Chlebosch und Björn Siebke
Das Stasi-Opfer Harald Blöchle. © NDR
Harald Blöchle saß drei Jahre lang im Stasi-Gefängnis - unter den Folgen leidet er noch heute.

Die Nächte sind lang für Harald Blöchle. Oft sitzt er auf seinem Balkon in Hannover-Wülfel und raucht eine Zigarette nach der anderen. "Seit meiner Zeit im Gefängnis schlafe ich schlecht", sagt er. Der Frührentner ist eines von vielen Opfern der Staatssicherheit. Seine Geschichte mit der Stasi beginnt Mitte der 1970er-Jahre und endet mit drei Jahren Haft in Stasi-Gefängnissen. Was ihm in diesen drei Jahren passiert, verändert sein Leben grundsätzlich. "Gleich am ersten Tag in U-Haft wirst du vollkommen entmenschlicht. Du kriegst eine Nummer. Deine Zellennummer. Strafgefangener 1 ist dann dein Name. Da hast du schon deine Würde verloren", sagt Blöchle und blättert durch seine dicke Stasi-Akte auf dem Wohnzimmertisch. Sie umfasst mehr als 800 Seiten und beinhaltet jedes Detail seiner Haftzeit. Ins Gefängnis kommt Blöchle nach DDR-Gesetzen wegen staatsfeindlichen Menschenhandels.

Stasi enttarnt den Fluchthelfer am Grenzposten

Der gebürtige Schwabe kommt 1974 auf der Suche nach Arbeit nach West-Berlin. Dort lernt er den Unternehmer Rainer Schubert kennen. Der ist Mittelsmann der kommerziellen Fluchthilfe-Organisation Aramco AG eines Schweizer Unternehmers aus Zürich. In einem "Zeit"-Artikel von 1976 gibt Schubert an, insgesamt 97 DDR-Bürgern zur Flucht in den Westen verholfen zu haben. Womit der Berliner Mittelsmann sein Geld verdient, erfährt Blöchle anfangs nicht. Er übernimmt Botengänge nach Ost-Berlin, übergibt dort Dokumente und Geld. Bald wird der Schwabe dann selbst zum Fluchthelfer. Er soll Ost-Flüchtlinge im Auftrag von Schubert über die Grenze schleusen. Blöchle sieht seine Arbeit als "Dienst an der Freiheit", sagt er. Er will damit auch ein Zeichen gegen das SED-Regime setzen. Damals ist er 21. Der Gedanke von der Freiheit aller Deutschen beflügelt ihn, sagt er heute. Wie gefährlich die Fluchthilfe-Aktionen wirklich sein würden, ist ihm damals nicht klar. Zum Schutz vor der Stasi erhält Harald Blöchle eine falsche Identität mit dem Decknamen "Klaus Klinger". Eine illegale Praxis, die die Fluchthelfer vor der Stasi schützen soll. Bei seinem ersten Auftrag befindet sich im Kofferraum seines weißen Opels eine ostdeutsche Familie. Vater, Mutter, ein Kind. Er sollte sie über die Grenze fahren. Doch dieser erste Auftrag endet für Blöchle in den Gefängniszellen der Stasi.

Das Stasi-Verhör: Stundenlang geblendet und ausgefragt

Das Stasi-Opfer Harald Blöchle. © NDR Foto: Björn Siebke
Selbstgeschriebene Lieder bewahren Blöchle während der Haft davor, im Gefängnis zu verzweifeln. Noch heute erinnert er sich an jede Zeile.

Denn die Stasi erwischt ihn und die Familie knapp vor der Grenze. Der Schrecken beginnt. Sie werden abgeführt, müssen sich nackt an eine kalte Mauer stellen. Sie werden von den Beamten gedemütigt, überall am Körper abgetastet. Danach sieht Blöchle die Familie nie wieder. Seine Untersuchungshaft verbringt er im berüchtigten Gefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. An die Details erinnert er sich noch gut: "Ich hatte die erste Zelle rechts. Darin ein Bett, ein Stuhl - alles eingemauert. Und ein Eimer. Da wurde mir schlagartig bewusst, was passiert ist: Du bist im Knast." Es folgen Wochen der psychischen Gewalt. Ein Gemisch aus Foltermethoden von Isolation und körperlichen Schmerzen bis hin zu stundenlangen Verhören durch Beamte der Staatssicherheit. "Beim Verhör hat die Stasi dir eine Lampe ins Gesicht geknallt. Du wirst geblendet, stundenlang. Dann wirst du befragt. Wieder und wieder die gleichen Fragen. Anfangs jeden Tag", sagt Blöchle. Zwischen den Verhören darf er am Anfang nicht schlafen. Er ist völlig erschöpft. Und allein. Die Beamten, die ihn verhören, bleiben über Monate sein einziger menschlicher Kontakt. Die Gefangenen verbringen so manchmal sogar Wochen alleine in der Zelle, erzählt Blöchle.

Stasi-Knast "quasi rechtsfreier Raum"

Carsten Spitzer, der Ärztliche Leiter des psychiatrischen Asklepios-Klinikums Tiefenbrunn bei Göttingen, kennt solche Fälle. "Die Untersuchungshaft war quasi rechtsfreier Raum, weil in dieser Zeit nur die Stasi diejenige war, die Zugriff auf die Betroffenen hatte. Und in der Zeit machen konnte, was sie wollte. Ich habe von Betroffenen von sogenannten Scheinexekutionen gehört. Denen wurde zum Beispiel eine Waffe an den Schädel gehalten und abgedrückt. Die Waffe war dann nicht geladen", sagt Spitzer. "Dunkelhaft, Isolationshaft über lange Zeit. Essensentzug, Schlafentzug, ein völlig gestörter Tag-Nachtrhythmus", seien die Methoden der Stasi gewesen, so Spitzer. Das Ziel dieser Foltermethoden: die psychische Zersetzung der Gefangenen. Seit Jahren forscht der Psychotherapeut dazu, hat mit Stasi-Haftopfern Gespräche geführt. Es waren so viele, dass er die Zahl nicht mehr genau kennt. Die psychische Folter spielte auch gezielt mit der Angst um die Familien der Gefängnis-Insassen: "Mit Drohungen, was mit Angehörigen passiert, mit Zwangsadoptionen der Kinder", sagt Spitzer. 

Die Opfer leiden bis heute

Nach einem Jahr Untersuchungshaft wird Blöchle ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Rummelsburg verlegt. Über Monate bekommt er mit, wie in der Nachbarzelle ein Mann vergewaltigt wird. Nacht für Nacht hört er die Schreie. Noch heute. Sie haben sich eingebrannt in sein Gedächtnis, ebenso wie andere Erinnerungen. "Ich ertrage geschlossene Türen nicht. Selbst wenn ich zuhause auf Toilette gehe, lasse ich die Tür angelehnt. Und ich hasse das Geklimper von Schlüsseln. Es erinnert mich an die Wächter im Knast, die immer mit klappernden Schlüsseln an den Zellen vorbeigegangen sind", sagt Blöchle und blickt auf die offene Wohnzimmertür. Das Unwohlsein in geschlossenen Räumen, ein Schlüssel als Bedrohung - Gefühle, die bei vielen Haftopfern hängengeblieben sind, erklärt Spitzer. Und auch, wenn der Schaden an der Seele jedes einzelnen Opfers natürlich auf eigene Erlebnisse zurückzuführen ist, weisen viele der Stasi-Opfer in psychotherapeutischen Sitzungen Gemeinsamkeiten auf: "Zum einen ist es das Erleben von existenzieller Hilflosigkeit und Ohnmacht. Sowohl in den Gefängnissen als auch in den sonstigen Verfolgungsformen. Und ein daraus resultierendes Misstrauen, dass sich die Opfer im Grunde nie sicher fühlen. Auch in der Begegnung mit anderen Menschen nicht", sagt er.

"Unsere Geschichten werden zu wenig anerkannt"

Auch Blöchle ist in psychotherapeutischer Betreuung. Früher war er Lastwagenfahrer. Die Enge in der Fahrerkabine hat er irgendwann nicht mehr ausgehalten und wollte auch keine Fahrten mehr in den Osten machen. Er gibt seinen Beruf auf, wird Frührentner. Nach drei Jahren wird Blöchle vom Westen aus dem Stasi-Gefängnis freigekauft. In den Jahren der Einsamkeit beginnt er, Lieder zu schreiben. Im Kopf. Bis heute kennt er jede Zeile. Mittlerweile hat er sie aufgeschrieben: "Gefängnishaft - wie soll ich dich vergessen? Du mein Schicksal bist, wer dich nicht kennt, der kann es nicht ermessen", singt Blöchle zu den Klängen der Gitarrensaiten. Die Lieder sollen ihn, aber auch andere, an die Zeit im Gefängnis erinnern. "Unsere Schicksale, die Geschichten der Opfer, unsere Erlebnisse werden bis heute zu wenig anerkannt", sagt Blöchle. "Besonders schlimm finde ich, dass Fluchthelfern lange Zeit auch vorgeworfen wurde, wir hätten mit dem Schicksal anderer Leute einfach nur Reibach gemacht. Das mag bei dem ein oder anderen zutreffen. Bei mir nicht. Ich und andere haben durch die Fluchthilfe einen entscheidenden Anteil am Niedergang der DDR gehabt." Und Blöchle ärgert bis heute, dass die Täter noch immer so viel Aufmerksamkeit bekommen und die Opfer dabei oft in Vergessenheit geraten. Und dennoch: Er hat manchen Tätern auch verziehen. "Das musst du. Du willst doch auch weiterleben", sagt er und legt die Gitarre auf dem Sofa ab.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.09.2014 | 19:30 Uhr