Stand: 23.12.2018 11:16 Uhr  - NDR Info

Gestrandet: Kapitän feiert Weihnachten auf Island

von Katharina Schröder, NDR.de

"An Weihnachten bin ich wieder da, liebe Mimi", verspricht Carl Christian Silck seiner Frau, als er am 4. Dezember 1920 auf der "Martha" morgens um acht Uhr Cuxhaven verlässt. Mit einer halben Ladung Salz, 370 Tonnen schwer, bestimmt für Reykjavik an der Westküste Islands, macht er sich mit seiner Mannschaft auf dem Viermaster auf den Weg. "Der Wind wehte frisch aus NO-ONO. Wir konnten somit gut nach Norden laufen, um die Minenfelder in der Deutschen Bucht zu umsegeln", notiert der 34 Jahre alte Schiffsoffizier aus Garstedt bei Hamburg in sein Tagebuch. Als er seinen Heimathafen verlässt, weiß Silck nicht, dass er Island zwar erreichen, aber auch so schnell nicht wieder verlassen wird - und an Weihnachten nicht zurück bei seiner Frau sein kann.

Schiff strandet vor der Küste Islands

Am 11. Dezember kommt es kurz vor der Insel zur Katastrophe: "Um 6 Uhr brach von hinten eine gewaltige Welle über das ganze Schiff. 'Martha' zitterte in allen Ecken", schreibt Silck. "Einige Sekunden später wurde das Schiff von weiteren Brechseen und Spritzwasser überflutet und stieß leicht auf Grund. Die Wellen gingen bis drei Meter hoch, sie gingen in die stehenden Segel hinein und fielen mit ungeheurer Wucht zurück. Unsere Worte waren fast unverständlich. Einige Sekunden später ging ein scharfer kurzer Ruck durchs ganze Schiff, und wir wussten nun, dass 'Martha' ihre letzte Fahrt durchs Meer gemacht hatte."

Der ganze Vorgang spielt sich in wenigen Sekunden ab. Die Besatzung ist unverletzt und bangt, was die nächsten Stunden bringen mögen. Island im Dezember 1920 ist rau, karg und dünn besiedelt. "Nach vergeblichen Hilferufen wurde beschlossen, so lange an Bord zu bleiben, bis es Tag würde. Bei der Strandung herrschten stockfinstere Nacht, zeitweise Hagel- und Regenböen."

Aufgewachsen als "Bastard" - die See als Flucht vor Vorurteilen

Porträtfoto des Kapitäns Carl Christian Silck.
Carl Christian Silck wird unehelich geboren. Die See dient ihm auch als Flucht vor Vorurteilen an Land.

Schon früh hatte Silck Gefallen daran gefunden, auf Schiffen die Welt zu erkunden - fernab von Vorurteilen, die sein Leben oftmals prägten. Denn seine Mutter, Catharina Dorothea Silck, hatte Carl mit 18 Jahren zur Welt gebracht - unehelich. In Garstedt bei Quickborn, 30 Kilometer nördlich von Hamburg. Damals war sie dort Hausmädchen auf einem Hof gewesen. Die Arbeit war hart und ihre dunkle Hautfarbe, die braunen Augen und ihre Vorliebe für große Ohrringe hatten es ihr nicht leicht gemacht, auf dem Hof die gleiche Anerkennung wie die anderen Mägde zu bekommen. Sie war immer bloß das "Zigeunermädchen".

Carl hatte das Aussehen seiner Mutter geerbt. Seine Haut war dunkler als die seiner Klassenkameraden und er hatte kurz geschorenes, dunkelbraunes Haar. Carl fragte sich, ob sein Charakter das Erbe seines leiblichen Vaters sein könnte. Aber es blieb bei Vermutungen. Er kannte ihn nicht. Kurz nach seiner Geburt hatte seine Mutter den Hof in Garstedt verlassen und war in eine wie durch Wunderhand komplett eingerichtete eigene Wohnung nach Hamburg gezogen. Alles, was ihm von seinem Vater blieb, war, dass er immer wieder als "Bastard" bezeichnet wurde.

Mit Pferden ins nächste Dorf gerettet

Vor Island harren Silck und die Mannschaft an jenem 11. Dezember 1920 weitere Stunden an Bord aus. Um 17 Uhr nähern sich zwei Isländer mit 13 gesattelten Pferden. Zweieinhalb Stunden reiten die Deutschen mit ihren Rettern bis ins nächste Dorf, durch Sturm, Kälte und Nässe. "In dem Dorfe Strönd wurden wir in einem Hause untergebracht und sahen, mit welcher Gastfreundschaft wir aufgenommen wurden. Es war alles vorbereitet. Wir konnten Zeug wechseln, bekamen warmes Essen, Kaffee und sonstige Sachen", notiert der Kapitän.

Weihnachtsabend mit isländischen Traditionen

Die Schiffsglocke der "Martha", die in der Kirche in Strönd hängt.
Zum Dank für ihre Rettung schenkt die Mannschaft der "Martha" den Isländern ihre Schiffsglocke.

Ihre Weiterreise verzögert sich und so kommt es, dass die Besatzung den Weihnachtsabend an diesem fremden Ort verbringt. Die Männer haben sogar ein Geschenk für die Insulaner: Sie stiften ihre Schiffsglocke. Silck erinnert sich: "Die Frau auf unserer Farm war über und über glücklich. Als wir (...) unsere halb verunglückten Weihnachtspakete (einige unserer entbehrlichen Habseligkeiten vom Schiff) mit den Isländern teilten, ging die Frau raus und weinte. Jedenfalls war es für uns gewiss, dass wir an diesem Platz auf Island eine zweite Heimat gefunden hatten. Ich glaube, keiner der Besatzung wird dieses Weihnachten je vergessen."

Alle singen im Anschluss "Stille Nacht, Heilige Nacht". Während des Singens bilden sie laut Silck einen Kreis um den hell erleuchteten Weihnachtsbaum und gehen immer rundherum, "gerade als wenn unsere Kinder 'Ringel Rangel Rosen' spielen. Es wurden viele kirchliche Gesänge, gleich unseren Melodien, gesungen. Dieser Tanz ging so lange vor sich hin, bis die Lichter abgebrannt waren."

Bescheidene Geschenke, dafür ein warmes Bett

Der Weihnachtsbaum habe den Kapitän an seine Segelschiffzeit erinnert: "Ein Besenstiel mit daran befestigten Stangen, welche die Zweige bedeuten, grün angemalt und mit etwas Laub behangen. Das war der isländische Weihnachtsbaum und auch der der Seefahrer. Die Geschenke der Kleinen waren trotz des Reichtums sehr bescheiden, wo sich unsere Kinder nicht mit begnügt hätten. Nach beendigter Feier kroch jeder in sein warmes Bett, welches wir wohl jetzt erst zu schätzen wussten, nachdem wir es so lange entbehrt hatten."

Am 7. Januar 1921 schiffen Silck und seine Mannschaft sich dann nach einem tagelangen Ritt durch das raue Island in Reykjavik auf einem Dampfer ein, am 31. Januar abends erreicht Silck Hamburg und fällt in die Arme seiner Familie. Deutlich mehr als einen Monat nach Weihnachten.

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NDR Info | Gruß an Bord | 24.12.2018 | 20:05 Uhr

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