Stand: 18.10.2018 11:10 Uhr  | Archiv

KZ Wittmoor: Wo die Nazis auf Umerziehung setzten

Fluchtversuch aus Heimweh

Fotos eines Zeitungsartikels im "Hamburger Fremdenblatt" vom 4. Juni 1933 zeigen das Leben im KZ Wittmoor.
Für eine Hamburger Zeitung nahm ein Fotograf dieses Bild von Gefangenen des KZ Wittmoor auf, die Schach spielen.

Zermürbend für viele Gefangene war, dass sie nicht wussten, wie lange sie im Lager festgehalten werden. Eines Nachts türmte aus diesem Grund ein Gefangener. "Es war ein Unpolitischer, der nicht wusste, warum er verhaftet worden ist", schilderte ein Augenzeuge später. "Er hatte ein derartiges Heimweh, dass er einfach abgehauen ist." Die anderen Gefangenen wurden geweckt und mussten den Entflohenen im Moor suchen. Erst Wochen später wurde der Entwischte gefasst und zurück ins KZ Wittmoor gebracht. Dies war der einzige Fluchtversuch, der überliefert ist. Dabei wäre es wohl recht leicht gewesen, sich vom Gelände zu stehlen. So schilderten es Ex-Gefangene. Es gab nur einen - nicht sonderlich hohen - Stacheldraht-Zaun. Die Wachen allerdings waren bewaffnet.

"Zu wenig geprügelt"

Hamburgs Reichsstatthalter Karl Kaufmann besuchte das KZ Wittmoor im August 1933. Er zeigte sich zutiefst unzufrieden mit der Behandlung der Gefangenen. Den Männern im Lager gehe es zu gut. Kaufmann beklagte, "dass dort zu wenig geprügelt werde". Zu dieser Zeit - im August 1933 - gab es noch Überlegungen, das KZ Wittmoor zu erweitern, um Hunderte weitere Gefangene unterbringen zu können. Aus Sicherheits- und Kostengründen gaben die Nationalsozialisten diesen Plan aber auf. Sie setzten fortan ganz auf das KZ Fuhlsbüttel im Hamburger Norden, das im September 1933 errichtet wurde.

Im Herbst 1933 wurde das Lager geräumt

Und so lösten die Nationalsozialisten das KZ Wittmoor auf - das Gelände war am 18. Oktober 1933 vollständig geräumt. Die Gefangenen wurden ins KZ Fuhlsbüttel überstellt. Von dort wurden noch einige Wochen lang Arbeitskommandos ins Wittmoor gebracht - weil noch ein Vertrag mit dem Pächter der Torffabrik bestand.

Karte: Die Lage des KZ Wittmoor

Härtere Gangart im KZ Fuhlsbüttel

"Zur Zeit des KZ Wittmoor befand sich das System der Konzentrationslager erst in den Anfängen", sagt Herbert Diercks von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Deshalb sei der Alltag dort noch nicht so sehr von Gewalt und Folter geprägt gewesen. Im KZ Fuhlsbüttel habe das dann ganz anders ausgesehen. "Dort stand die Misshandlung der Gefangenen im Vordergrund, um von ihnen Aussagen zu erzwingen", weiß Diercks.

"Sie haben sich über die Schutzhaft lustig gemacht"

Die Nationalsozialisten begründeten gegenüber den politischen Gegnern die neue, härtere Gangart so: "Ein großer Teil von Ihnen ist nicht gewillt, seine feindliche Einstellung dem neuen Staat gegenüber aufzugeben", sagte der Präsident des Strafvollzugsamtes, Max Lahts, am 4. September 1933 im KZ Fuhlsbüttel zu den "Schutzhäftlingen". "Insbesondere ist bekannt geworden, dass Sie sich über die Schutzhaft, wie sie bisher [im KZ Wittmoor] durchgeführt wurde, lustig gemacht, dieselbe mit einer Kleinkinderbewahranstalt verglichen und in den Gemeinschaftssälen die wüsteten Hetzreden gehalten haben." Diese unhaltbaren Zustände würden fortan "restlos beseitigt". Mehr als 250 Häftlinge starben zwischen 1933 und 1945 im KZ Fuhlsbüttel - durch Mord, Misshandlungen oder weil sie in den Tod getrieben wurden.

Spurensuche in den 80er-Jahren

Anders als das KZ Fuhlsbüttel geriet das KZ Wittmoor schnell in Vergessenheit. Als der Hamburger Willy Klawe sich in den 1980er-Jahren auf Spurensuche begab und 1987 ein Buch über die Geschichte des KZ Wittmoors veröffentlichte, war die Geschichte für die Norderstedter völlig neu. Sogleich kam die Diskussion auf, wie man des Lagers gedenken sollte. "Die Stadtverwaltung von Norderstedt war eher zurückhaltend", erinnert sich Klawe im Gespräch mit NDR.de. "Dort hieß es sinngemäß: So aufregend ist das Ganze nun auch nicht. Und es sei ja auch kein richtiges Konzentrationslager gewesen." 1987 stellte die Stadt Norderstedt dann aber einen Gedenkstein auf.

Zeitzeugen leben nicht mehr

Auf der Hamburger Seite des Naturschutzgebiets Wittmoor gibt es einen ähnlichen Gedenkstein bereits seit 1986. Damals lebten noch ehemalige Häftlinge. Inzwischen sind alle verstorben. "Einer der letzten Zeitzeugen war Helmut Warnke. Er war im Alter von 25 Jahren verhaftet und als einer der ersten 'Schutzhäftlinge' in das Lager gebracht worden. "Die Leute, die direkt in der Nähe wohnten, taten so, als gäbe es das Lager gar nicht", erzählte Warnke. Aber in Hamburger Arbeitervierteln sei das Lager ein Gesprächsthema gewesen. "Dafür sorgten die Frauen, die ihre Männer im Lager besuchten." Sein Fazit in den 80er-Jahren: "Wittmoor ist mit keinem der späteren großen Arbeits- und Vernichtungslager zu vergleichen. Das Konzentrationslager-System entwickelte sich in einem Prozess, der mit der Errichtung von relativ harmlosen Schutzhaftlagern, wie Wittmoor es war, begann und mit Vernichtungslagern und Todesfabriken endete."

Aber für viele Gegner des NS-Regimes begann mit ihrer Zeit im KZ Wittmoor ein jahrelanger Leidensweg. Und längst nicht alle von ihnen überlebten die Herrschaft der Nationalsozialisten.

Weitere Informationen
Historisches Torhaus der Strafanstalten und heutige Gedenkstätte Fuhlsbüttel © NDR Foto: Irene Altenmüller

Tatort des Naziterrors: Das KZ Fuhlsbüttel

Willkür und Misshandlungen: Tausende Häftlinge litten im KZ und Gestapo-Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel. Heute führen Angehörige der einst Inhaftierten durch die Gedenkstätte. mehr

Wachturm und Mauer in der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme. © dpa Foto: Maurizio Gambarini

KZ Neuengamme: Tatort und Gedenkstätte

Im Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme starben während der NS-Zeit mehr als 40.000 Menschen. Seit 2005 ist das Areal Gedenkstätte. mehr

Adolf Hitler bei einem Besuch in Hamburg, zusammen mit Reichsstatthalter Karl Kaufmann (rechts) © NDR/ Staatsarchiv Hamburg

Die Legende vom "guten Gauleiter"

Von 1933 bis 1945 hatte Gauleiter Karl Kaufmann das Sagen in Hamburg. Seine Anhänger nannten ihn liebevoll "Kuddel". NDR.de sprach mit dem Historiker Frank Bajohr über Kaufmanns Verbrechen. mehr

Angehörige der SA marschieren am 30.01.1933 mit Fackeln durch die von Zuschauern gesäumten Straßen von Berlin © dpa

Wie die Hamburger Hitler sahen

Viele Hamburger haben zur NS-Zeit Tagebuch geschrieben. Manche verehrten Hitler, andere verachteten ihn. Jetzt sind vier Tagebücher nachzulesen, die das Jahr 1933 schildern. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.11.2013 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte

Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow küssen sich am 1. August 2001 vor dem Standesamt Hannover, nachdem sie ihre Lebenspartnerschaft haben eintragen lassen. © epd-bild / Dethard Hilbig Foto: Dethard Hilbig

20 Jahre "Homo-Ehe": Heirate mich - zumindest ein bisschen

Am 1. August 2001 schließt das erste schwule Paar in Deutschland den eheähnlichen Bund. Ein Etappensieg auf dem Weg zur "Ehe für alle". mehr

Norddeutsche Geschichte