Stand: 11.04.2014 07:00 Uhr  | Archiv

1994: Russische Jets verlassen Pütnitz

von Henning Strüber, NDR.de

Wodka gegen Sprit

"Der Stützpunkt war eine abgeschlossene Stadt für sich", sagt Jastrzynski. Die Kontakte zwischen den Soldaten und der einheimischen Bevölkerung hielten sich in Grenzen. "Es gab einen Schulklassen-Austausch", erinnert er sich. "Zu Weihnachten hat man gegenseitig Geschenke ausgetauscht." Die Betriebssportgruppen aus dem Umland kamen hin und wieder aufs Kasernengelände, um mit den Soldaten Sport zu treiben. "Und donnerstags, wenn Markt war, kamen die Russen in die Stadt, um frische Lebensmittel einzukaufen. Die Offiziere sind dann mit ihren Frauen einkaufen gegangen, die einfachen Soldaten durften aber nicht mit und mussten solange in den Lastern warten. Außerdem wurde viel getauscht. Einmal konnte die Post in Ribnitz keine Briefe zustellen, weil der Sprit ausgegangen war. Der wurde dann bei den Russen gegen Wodka eingetauscht", weiß Jastrzynski noch. Hin und wieder kam es auch zu Begegnungen der ungewöhnlichen Art. So landete einmal ein russischer Fallschirmspringer direkt vor dem Balkon der Familie. Der Wind hatte ihn wohl abgetrieben.

Abstürze, Abschüsse und Verhaftungen

Aber es ereigneten sich auch einige Dramen rund um den Armeestandort. Seinerzeit fanden sie freilich nicht den Weg in die Zeitungen. Immer wieder stürzten Flugzeuge aus Pütnitz in der Region ab. In den 1980er-Jahren wurde über Zingst eine am Bodden gestartete MiG 21 von der Flugabwehr abgeschossen. Der russische Pilot wollte desertieren. Ebenfalls in den 80er-Jahren wurden Mitglieder der britischen Militärmission bei Wiepkenhagen festgesetzt. Die Agenten hatten versucht, den Flugplatz auszuspionieren.

Mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist

Für die russischen Soldaten und deren Angehörige bedeutete der Truppenabzug eine Zäsur. Während die einfachen Soldaten ein hartes Leben zwischen Drill und Drangsalierung hatten, ging es den Offizieren und deren Familien vergleichsweise gut. Zu Hause wartete nach dem politischen Umbruch eine ungewisse Zukunft. "Einige wollten gar nicht weg. Die haben sich teilweise in den Schränken versteckt. Später habe ich gesehen, wie in den Kasernen Wände herausgebrochen waren, um die Räume größer zu machen. Die Menschen haben da wohl noch drin gelebt", blickt Jastrzynski zurück. Mitgenommen wurde alles, was irgendwie verwertbar war - zum Bauern, Verfeuern oder Verkaufen. So seien an vielen Gebäuden die Stahltüren herausgerissen - wegen des wertvollen Edelmetallls. "Ein Bekannter aus dem Rostocker Seehafen hat mir erzählt, dass die russischen Container mit Stahl und Altmetall immer sofort auf die Schiffe verladen wurden, die mit dem persönlichen Hab und Gut gingen dagegen manchmal erst ein halbes Jahr später weg."

Russische Veteranen kommen wieder

Während der Flugplatz heutzutage vor sich hindümpelt, finden immer wieder russische Veteranen den Weg zurück an die Stätte ihrer Armee- und oftmals auch Leidenszeit, berichtet Jastrzynski. "In letzter Zeit kommen vermehrt ehemalige Soldaten, um sich den Platz noch einmal anzusehen. Neulich war einer da, der hat bitterlich geweint. Er hat erzählt, dass es tagelang nichts zu essen und zu trinken gab. Die durften auch nicht auf Toilette. Die haben sich in die Hosen gemacht." Im September soll es erstmals ein offizielles Veteranentreffen in Pütnitz geben.

Zukunft im Tourismus?

Wie es mit dem geschichtsträchtigen Schauplatz in Zukunft weitergehen soll, ist offen. Derzeit plant die Stadt, auf dem Ribnitzer See - dem südlichen Teil des Saaler Bodden - eine künstliche Insel mit Innenhafen zu entwickeln. Rundherum sollen bis zu 3.500 Übernachtungsbetten entstehen. Ein Raumordnungsverfahren soll nach Angaben von Ribnitz-Damgartens Bürgermeister Frank Ilchmann im Herbst abgeschlossen werden. Vorgespräche mit möglichen Betreibern würden derzeit geführt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.04.2014 | 07:00 Uhr

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