Stand: 19.10.2016 19:44 Uhr

Vor 30 Jahren: Rügen bekommt neuen Fährhafen

von Henning Strüber, NDR.de

Im Oktober 1986 nahm im Nordosten Rügens der Fährhafen Sassnitz-Mukran den Betrieb auf. Das Prestige-Projekt stellte eine direkte Seeverbindung zwischen den sozialistischen Bruderstaaten DDR und Sowjetunion her. Eine solche sparte Transitgebühren in Millionenhöhe für den langsamen Eisenbahntransport durch Polen. Und: Seit dem Erstarken der dortigen Solidarność-Bewegung hegten Moskau und Ost-Berlin zunehmend Zweifel an der Verlässlichkeit des Bündnispartners. Bis Ende der 1980er-Jahre herrschte an den Ladebrücken in Mukran Hochbetrieb, heute ist es an den Terminals dagegen ruhiger geworden.

Vom DDR-Prestige-Projekt zur Offshore-Basis

Eng verknüpft mit dem Schicksal der DDR

"Es ist schon sehr betrüblich, dass der Sinn und Zweck des Hafens heute nicht mehr erfüllt wird", sagt der Stralsunder Jürgen Grieger nicht ohne Wehmut. Die Geschichte des Mukraner Hafens ist wie bei kaum einem anderen von der DDR, ihrem Niedergang und den politischen Umbrüchen Ende des 20. Jahrhunderts geprägt. Grieger war damals im Baumontagekombinat Greifswald beschäftigt. Er baute am Kernkraftwerk in Lubmin mit und war auf Großbaustellen im Rostocker Überseehafen. In Mukran war Grieger für die Versorgung mit Baumaterial zuständig.

Ein Kollektiv von 3.200 Menschen arbeitet ...

Grieger erinnert sich noch gut, als es 1982 losging, das kleine Fischerdörfchen Mukran verwandelte sich in eine gigantische Baustelle: Das Ufer wurde planiert, Hafenbecken ausgebaggert, Molen angelegt, Gebäude hochgezogen, sogar eine eigene Feuerwehr gab es. "In der Hochzeit haben wir mit 3.200 Beschäftigten in Mukran gearbeitet", sagt er. Täglich wurden mit 30 Bussen und acht Zügen Arbeiter angekarrt. Denn schon im Oktober 1986 sollte der Fährhafen in Betrieb genommen werden. "Das war eine große Herausforderung." Zwei harte Winter machten den Bautrupps zu schaffen, immer wieder mangelte es an Zement, "manchmal konnten die Baufahrzeuge nicht betankt werden, weil kein Diesel da war".

... auf der "Großbaustelle der deutsch-sowjetischen Freundschaft“

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Mit großem Aufwand wurde der Fährhafen in nur viereinhalb Jahren Bauzeit aus dem Boden gestampft.

Grieger denkt gern zurück, wie er sonntags mit seinen drei Söhnen am Kontrollposten vorbei auf die Baustelle fuhr und Steine gegen die Silobehälter warf - um zu kontrollieren, ob genügend Zement im Zulauf ist. "Wir hatten ja keine Füllstandsanzeige." Doch trotz all des Unbills wurde das Arbeiterkollektiv aus NVA-Soldaten, FDJ-Mitgliedern, sowjetischen Spezialisten sowie "Spatensoldaten" aus Prora - es wurde später mit dem Ehrentitel "Großbaustelle der deutsch-sowjetischen Freundschaft“ ausgezeichnet - doch noch pünktlich fertig: Am 2. Oktober 1986 lief das Fährschiff "Mukran" erstmals im neuen Fährterminal ein. Ein "Beweis der Leistungskraft des Sozialismus", wie die SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" jubelte. Der Hafen kostete zwei Milliarden Mark - und brachte 2.500 Menschen Arbeit.

Von Rügen nach Klaipeda und zurück in 48 Stunden

Tatsächlich galt die Linie von Rügen nach Klaipeda (heute Litauen) Ende der 1980er-Jahre als eine der leistungsstärksten der Welt. Dafür sorgten nicht zuletzt die fünf eigens auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar gebauten und 190 Meter langen Eisenbahnfähren - es sind die größten, die jemals in der DDR hergestellt wurden. Sie konnten 103 Güterwaggons transportieren, brauchten für die Strecke hin und zurück nur 48 Stunden und konnten die Ladung zügig löschen. Die DDR lieferte hauptsächlich Maschinen, Möbel und Papier. Bei ihrer Fahrt gen Westen waren die Schiffe dagegen häufig mit Eisen, Dünger und Holz beladen.

Doch für das größte Frachtaufkommen sorgte die auf rund 400.000 Soldaten und Zehntausende Panzer, Geschütze, Flugzeuge und Raketen angewachsene Militärpräsenz der Sowjetarmee in der DDR. Auch im Kriegsfall wäre die Verbindung ein Trumpf: Unter Deck gab es geheime Truppentransporträume für 300 Soldaten, die Fähren hatten einen Doppelhüllenrumpf zum Schutz vor Torpedos. Auch über den Transport von Atomraketen gibt es Spekulationen.

Der "westlichste Haltepunkt der transsibirischen Eisenbahn"

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In den Umspur- und Umachs-Anlagen zwischen Normal- und Breitspur wurden die Waggons angehoben und auf die jeweils passenden Drehgestelle gesetzt.

Drei Millionen Tonnen Güter wurden pro Jahr in die DDR gebracht, der Umschlag in die Sowjetunion blieb jedoch darunter. Das Herzstück des Fährhafens waren die Anlagen zum Umspuren und Umachsen der Güterwaggons vom europäischen Normalspur- auf das sowjetische Breitspur-Schienennetz, die Mukran den Beinamen "westlichster Haltepunkt der transsibirischen Eisenbahn" einbrachten. Um den Weitertransport solcher Gütermengen zu bewerkstelligen, wurden auf dem riesigen Areal rund 100 Kilometer Gleise verlegt. Doch noch bevor der Fährhafen seine Soll-Stärke erreicht, verändert sich seit 1989 mit der Wende und den politischen Umwälzungen alles. Die als sechste Fähre geplante "Wismar" wird erst gar nicht mehr gebaut.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 20.10.2016 | 09:00 Uhr

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